https://www.faz.net/-gqz-xsgf

Tunesien : Samthandschuh der Unterdrückung

  • -Aktualisiert am

Zusammenstoß zwischen Demonstranten und Polizei am 10. Januar in Regueb in der Nähe von Sidi Bouzid Bild: AFP

Wie kann es sein, dass die Aufständischen in Tunesien junge Leute mit guter Bildung sind? Lange wurde im Land die Mittelschicht politisch entmündigt. Das rächt sich jetzt. „Freiheit, Arbeit und Würde“ lauten die moralischen Maximen des Protestes.

          3 Min.

          „Ist Tunesien denn eine Diktatur?“ So lautet die Stichfrage, die unter Augenreiben plötzlich überall herumgereicht wird. Man solle nicht übertreiben, antwortete der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand, der im Land einen Zweitwohnsitz hat, in diesen Tagen. Wahrscheinlich sei es aber eine berechtigte Frage, finden andere wie der Schriftsteller Régis Debray.

          Vielleicht sollte die Frage, während der Flächenbrand des Aufstands in Tunesien offenbar schon den Rand der Hauptstadt erreicht hat, anders gestellt werden: Ist das, was in jenem bisher so ruhigen und für Urlauber so angenehmen Land sich tut, eine Reaktion der ökonomischen Frustration, ja, der Verzweiflung, wie der Selbstverbrennungsakt eines Arbeitslosen vor drei Wochen nahelegte? Oder ist es, wo der Samthandschuh der Unterdrückung krisenbedingt plötzlich seine stählernen Gelenke verrät, ein politischer Ruf nach mehr Freiheit?

          Die Ereignisse seien von mindestens ebenso großer Bedeutung wie die Proteste unlängst nach den Wahlen in Iran, sagt der Schriftsteller Abdelwahab Meddeb im Gespräch; er selbst habe sich von dieser Bewegung überraschen lassen. Auch er sei ein Opfer jenes „achselzuckenden universellen Schweigens“ geworden, gesteht er, das mit der Widerstandskraft jenes Volks nicht mehr gerechnet habe. „Das Regime hat es geschafft, mein eigenes tunesisches Selbstvertrauen in mir abzutöten.“

          Der politische Raum muss erst geschaffen werden

          Für den in Paris lebenden Intellektuellen handelt es sich um keine Frustreaktion auf individuelle wirtschaftliche Chancenlosigkeit. Hinter den Jugendlichen, die in ihrem Aufstand auf keine bestehenden Organisationen und Verbände zurückgreifen können, sondern ihre Aktionen per Facebook vor sich her improvisieren, sieht Meddeb vielmehr eine hohe politische Reife. Ihre Losung lautet „Freiheit, Arbeit, Würde“, in dieser Reihenfolge - das klingt schon fast mehr moralisch als politisch. Von islamistischen Tendenzen keine Spur. Nach übereinstimmenden Angaben sind die Aufständischen vorwiegend junge Leute mit guter Bildung - für den Intellektuellen Meddeb immerhin ein Zeichen dafür, dass zumindest das Schulsystem im Land funktioniert hat.

          Selbst die Verfechter dieser politischen Lesart geben jedoch zu, dass kein klares Programm, kein Aktionsplan und bisher auch keine Führerfigur in der Bewegung erkennbar sind. Politisch und intellektuell hat das Regime Ben Alis in den gut zwanzig Jahren seines Bestehens eine solche Leere geschaffen im Land, dass die entfachte Bewegung nebst einigen mutigen Menschenrechtskämpfern und spontan aktiv gewordenen Künstlern wenig soliden Boden hat. Sie muss den politischen Raum erst schaffen.

          Am verlässlichsten wird die Bewegung vielleicht von den mittleren Gewerkschaftskadern mitgetragen, in offener Opposition zur regimetreuen Führung. Das verleitet manche Beobachter dazu, auf den individuellen, fragilen, alltagsnahen Elan der Bewegung hinzuweisen, der schnell wieder in sich zusammenfallen könne. Tunesien erfülle fast alle Voraussetzungen für eine Demokratie und sei aus schwerverständlichen Gründen gerade dies nicht, konstatiert der in Lyon lebende Politologe Lahouari Addi.

          Unterschiedliche Probleme im Maghreb

          Als ein Exempel dieses Paradoxons kann man das Verhalten der Ärzte im Krankenhaus der Stadt Kasserine sehen, knapp dreihundert Kilometer südlich von Tunis, wo das Einschreiten der Polizei offenbar besonders gewaltsam verlief. Im Dilemma zwischen Berufsethos und Staatsbürgersinn entschlossen die Ärzte sich dort, wo immer es ging, stundenweise in Streik zu treten, um gegen die Brutalität der Polizei zu protestieren. Auf den Bahren stauten sich so zugleich die Not und der Anlass für die Empörung.

          Was in den ersten Tagen vor dem Hintergrund der Ausschreitungen gegen Lebensverteuerung im Nachbarland Algerien wie eine grenzüberschreitende Welle der Unzufriedenheit aussah, die den ganzen Raum des Maghreb erfassen könnte, hat bald seine landesspezifischen Eigenheiten offenbart. Das politisch relativ offene und wirtschaftlich dynamische Marokko blieb von den Ausschreitungen verschont, trotz scharfen Sozialgegensätze, wohl aber nicht zuletzt dank der bindenden Kraft des Königtums.

          Algerien hat einen intellektuell regen Debattenraum bewahrt, ließ die Korruption aber die Gesellschaft auf allen Etagen zernagen bis zur politischen Resignation. Tunesien hat eine - wenn auch politisch entmündigte - Mittelschicht entstehen lassen, aus der sich bei den ersten wirtschaftlichen Rückschlägen nun der Überdruss gegen die „auf den Familienkreis des Präsidenten beschränkte Korruptionsherrschaft“, so Lahouari Addi, Luft machte. Alle drei Länder haben nach der Unabhängigkeit versucht, nach französischem Vorbild einen Zentralstaat aufzubauen. Alle drei haben unterschiedliche Probleme geerntet.

          Sollte der junge Mann, der am 17. Dezember in Sidi Bouzid sich selbst verbrannte, einen Vorgänger haben, könnte dieser nur Jan Palach heißen, sagt Abdelwahab Meddeb. Und sollte aus dieser Bewegung eine Führerfigur hervorgehen, wäre es ein neuer Václav Havel oder Lech Walesa.

          Wie damals gegenüber den mitteleuropäischen Dissidenten müsse die öffentliche Meinung in Europa nun für die nordafrikanischen Proteste klar Position ergreifen, ohne Ausreden von Kulturunterschieden und ohne das Scheinargument vom Regime als Schutzwall gegen Islamismus. Alles andere wäre Selbstverrat.

          Weitere Themen

          Das Auge des Gesetzlosen

          „Les Misérables“ im Kino : Das Auge des Gesetzlosen

          Im äußersten Fall ist auch scharfe Munition erlaubt: Der Kinofilm „Die Wütenden – Les Misérables“ zeigt eindrucksvoll die Spannungen zwischen aufbegehrenden Jugendlichen und den Ordnungshütern in einem Pariser Vorort.

          Emanzipation im 19. Jahrhundert Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Little Women“ : Emanzipation im 19. Jahrhundert

          Louisa May Alcotts Roman „Little Women“ wurde schon einige Male verfilmt. Jetzt kommt Greta Gerwigs Umsetzung des alten Stoffes in die Kinos. Ursula Scheer verrät, was diese Verfilmungen von ihren Vorgängern unterscheidet.

          Topmeldungen

          Untersuchungen zum Coronavirus an der Charité Berlin Mitte

          Coronavirus : Drei weitere Infizierte in Bayern

          Bei drei weiteren Menschen in Bayern wird das Coronavirus nachgewiesen. Wie der erste deutsche Patient sind sie Mitarbeiter der Firma Webasto aus Starnberg, teilt das bayerische Gesundheitsministerium mit. Das Unternehmen schließt vorübergehend seine Zentrale.
          Trump und Netanjahu im Weißen Haus

          Israelische Siedler : Die extreme Rechte ist empört

          Einerseits bekommt Netanjahu jetzt Ärger mit innenpolitischen Verbündeten. Andererseits sonnt er sich im Glanze seines Auftritts mit Trump: Noch nie kam Washington Israel so weit entgegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.