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Tunesien : Corbusier fürs Welterbe

  • -Aktualisiert am

In Paris möchte man die Bauten Le Corbusiers auf die Liste des Weltkulturerbes setzen. Auch die Villa am karthagischen Strand in Tunesien, der bereits auf der Liste stand und also gar nicht hätte bebaut werden dürfen. Für den Architekten käme die Anerkennung im richtigen Moment.

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          Auch durch den Verkauf von Raubkunst hat sich der tunesische Clan der Ben Alis finanziert. Die Paläste, aus denen er vom Volk verjagt wurde, schmückte er mit römischen Marmorsäulen und arabischen Fayencen aus den Museen. Ihre Villen bauten die Herrschenden vorzugsweise auf dem Gelände von Karthago, das zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. Sie wird sich sehr bald mit den Vorgängen in Tunesien befassen.

          Paris hat nach dem Sturz Ben Alis das Gesuch erneuert, die Bauten des Architekten Le Corbusier auf die Liste des Weltkulturerbes zu setzen. Es handelt sich um ein bislang einmaliges Projekt, das mehrere Staaten betrifft – Le Corbusier baute weltweit. Als das Pilotunternehmen 2003 lanciert wurde, wollte man auch die 1928 am Strand von Karthago erbaute Villa Baizeau einbeziehen. Von der tunesischen Delegation wurde der Unesco damals beschieden, dass sie sich in einer „absoluten Tabu-Zone“ befinde – nämlich auf dem Privatbesitz des Präsidenten.

          Corbusier für die Wende

          In der Stadt El Jem – mit dem drittgrößten erhaltenen Amphitheater der Antike – wird dessen Sturz bedauert, sind doch deren Bewohner dank dem Handel mit Antiken, die sie in ihren Gärten ausgruben, wohlhabend geworden. Der neue Kulturminister dagegen nennt die Rückführung antiker Funde eine seiner Prioritäten. Und er unterstützt das Corbusier-Projekt als „Symbol“ für die Wende.

          Für den Architekten käme die Anerkennung im richtigen Moment. Denn in der Schweiz wurden seine Äußerungen über jüdische Bauherren als antisemitisch angeprangert, man erinnerte sich, dass er in Vichy vergeblich achtzehn Monate lang bei Pétain um Aufträge gebuhlt hatte. Der Schriftsteller Daniel de Roulet, in Deutschland vor allem als Brandstifter des Chalets von Axel Springer im Berner Oberland bekannt geworden, klagte ihn an und eine Schweizer Großbank musste ihre Anzeigenkampagne mit Le Corbusier zum Neuanfang nach der Bankenkrise wegen dessen Vergangenheit stoppen. Wochenlang diskutierte man darüber, ob die Geldscheine mit seinem Konterfei eingestampft werden sollten.

          Es ging um auch die Benennung und allfällige Umbenennung von Straßen und Plätzen. Sollte Le Corbusier jetzt im Zuge der tunesischen Revolution trotzdem Einzug ins Welterbe halten, sei vor jeder Debatte, die zwangsläufig kommen wird, festgehalten: Le Corbusier war nicht Ben Alis Architekt. Und die Schweiz seine Bank, die seine illegalen Millionen schneller als in den früheren unmoralischen Zeiten blockierte: gleich nach dem Sturz.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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