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Türklinken : Hand drauf!

Eine der schönsten Klinken im Leipziger Grassimuseum: Hans Poelzigs Modell für das I.G.-Farben-Haus in Frankfurt von 1930. Bild: Bauakademie Berlin

Erst der Gebrauch zeigt, welche Türklinke nicht nur schön ist, sondern auch ihren Zweck gut erfüllt. Zu erleben und zu erfühlen im Leipziger Grassimuseum.

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          Was ist das für eine Ausstellung, die Werke von Karl Friedrich Schinkel, Walter Gropius, Ludwig Wittgenstein, Le Corbusier, Hans Poelzig und David Chipperfield zusammenträgt - und noch von vier Dutzend bedeutenden Architekten und Gestaltern mehr? Und vor allem: Wie passt sie in einen einzigen Raum, den lichtdurchfluteten Gartensaal des Leipziger Grassimuseums für Angewandte Kunst? Ganz einfach: Indem hier nur jeweils ein Detail aus den groß angelegten Bauwerken dieser Meister gezeigt wird, ein auf den ersten Blick unscheinbares, auf den ersten Griff aber dann umso bedeutenderes: die Türklinke.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wobei es da schon anfängt mit der mangelnden Präzision. Die Ausstellung selbst spricht von „Türgriffen“, was natürlich auch Knäufe ermöglicht hätte, die aber mit Ausnahme zweier Exemplare (prächtig in Pink), die Paul Bonatz 1909 für das von ihm errichtete sogenannte Henkell-Schlösschen der gleichnamigen Wiesbadener Sektkellerei entwarf, fehlen. Die Publikation zur Schau wiederum benutzt den Fachbegriff „Türdrücker“, der auch Elemente umfasst, die nicht aufzuklinken sind, wie Sepp Rufs „Stoßgriff“ (noch so ein Fachterminus) zum früheren Kanzlerbungalow in Bonn oder die Zugstange, die Le Corbusier ins Tor seiner Wallfahrtskirche von Ronchamp integriert hat.

          Teilweise desillusionierend im Gebrauch

          Programmatisch besonders wichtig ist den Machern dieser Ausstellung, die vor Leipzig schon eine Tournee durch andere Häuser hinter sich gebracht hat, ein Türdrücker (vulgo Klinke), den Gropius und sein Büroleiter Adolf Meyer 1922 für ein Fabrikgebäude in Alfeld entworfen hatten. Just der fehlt aber in der Ausstellung, obwohl der Einleitungstext im Saal ihn eigens hervorhebt. Erst der Katalog erläutert, dass stattdessen eine ähnliche Gropius-Klinke aus dem berühmten Dessauer Bauhausgebäude (1926) gezeigt wird, die wiederum von Klinken zitiert wird, die Alessandro Mendini 1994 für ein Museum in Groningen schuf. So geben sich die Objekte - das krumme Bild sei gestattet - die Klinken in die Hand.

          Karl Schwanzers Entwurf einer Türklinke mit elegantem Schwung von 1958. Bilderstrecke

          Los, auch chronologisch, geht es mit Schinkel und dessen Türdrehgriff für Schloss Charlottenhof in Potsdam aus dem Jahr 1829. Den darf man nicht anfassen, aber das ist die Ausnahme. Sonst ist jedes Objekt als kompletter Beschlag an einer Stele montiert, so dass man die Klinken auch betätigen kann. Und das ist das Wichtigste der ganzen Ausstellung, denn manches, was grandios aussieht, wirkt desillusionierend beim Gebrauch. Am drastischsten ist die Diskrepanz bei der Klinke, die der Philosoph Ludwig Wittgenstein 1928 für das von ihm konzipierte Palais Stonborough in Wien entwarf. Der gewinkelte, sachlich dünne Stahlstab ist eine Enttäuschung für die Hand, und da Wittgenstein für die weniger repräsentative Innenseite der Türen noch dünnere Stäbe verwandte, kann sich die Designgeschichte glücklich preisen, dass der Philosoph zwei Jahre später einem Ruf an die Universität Cambridge folgte und das Gestalten sein ließ. Otl Aicher könnte diese dürre Wittgenstein-Klinke im Kopf gehabt haben, als er formulierte: „Den Griff ins Leere schätzt die Hand nicht. Sie will ballig geführt werden.“

          Perfekt dagegen ist die Handhabung der Klinke von Gottfried Böhm für die 2004 von ihm gebaute Zentralbibliothek in Ulm oder auch das beim Abriss des Palastes der Republik gerettete Exemplar von Heinz Graffunder. Dass auf dessen Griff noch ein handbeschriebenes Stück Kreppband klebt, zeigt, für wie wenig geglückt man es hält - zu Unrecht. Auf die derzeit entstehende James-Simon-Galerie nach Chipperfields Entwurf braucht man sich dagegen in Berlin aus klinkentechnischem Aspekt nicht zu freuen. In Leipzig kann man sie schon einmal vorab ausprobieren: Sie ist ein haptischer Flop wie auch Gesine Weinmillers Klinke für den Frankfurter Universitätscampus, auf dem im I.G.-Farben-Haus von 1930 der wunderbare Klassiker von Hans Poelzig beweist, wie es besser geht.

          Manche Klinken in der Ausstellung lassen sich aus unerfindlichen Gründen nicht bewegen. Ein solcher Griff ins Sinnlose verdirbt noch das formschönste Exemplar. Dagegen zeigt Karl Schwanzers Klinke, dass etwas, das die Augen für buchstäblich unhandlich halten würden, dem Zugriff schmeicheln kann. In dieser Schau lernt man mehr über die Bedeutung von Design im Alltagsleben als sonstwo im Museum: weil man hier herzhaft zupacken darf.

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