https://www.faz.net/-gqz-8hte1

Türkische Presse : Erdogans Reflex

  • -Aktualisiert am

Er gibt die Linie vor, und viele Kommentatoren und Schlagzeilenmacher eifern ihm nach: der türkische Staatspräsident Erdogan. Bild: AFP

Die türkische Regierung hat die Presse des Landes vollständig konditioniert. Wenn Erdogan brüllt, brüllen fast alle Journalisten mit. Nur eine türkisch-armenische Zeitung widerspricht dem nationalen Taumel.

          Es war abzusehen, dass der türkische Staatspräsident Erdogan die am Donnerstag im Bundestag verabschiedete Völkermord-Resolution alles andere als gutheißen würde. Ebenso erwartbar wie er hat der überwiegende Teil der türkischen Presse reagiert. Innerhalb von wenigen Jahren haben Erdogan und seine AKP der Mehrheit der türkischen Journalisten den Pawlowschen Reflex antrainiert. Sie reagieren aggressiv und wie auf Knopfdruck. Erdogans Ärger ist das Signal, zu dem sie kläffen.

          Wird aus seinem Ärger Wut, dann ist das für sie gleichbedeutend mit dem Befehl, zuzuschnappen. Und zwar so, wie es der Regierung politisch am meisten zugute kommt. Diesmal haben so gut wie alle regierungsfreundlichen Medien in ihren Reaktionen auf ein von türkischen Nationalisten gepflegtes Erklärmuster zurückgegriffen. Dieses besagt, das Land werde im Innern von Verschwörern bedroht und sei von Feinden umzingelt. In der Vergangenheit resultierte daraus schon mehrfach ein verhängnisvolles Wir-Gefühl, mit dem die Bevölkerung gegen vermeintliche Feinde aufgehetzt wurde (beispielsweise gegen Armenier).

          Angela Merkel mit Hitlerbart

          Genauso eignet sich das Narrativ dafür, die Menschen einmal mehr auf einen starken Anführer einzuschwören. Angesichts der schwierigen innenpolitische Lage in der Türkei ist es genau das, was Erdogan braucht. Die Zeitung „Sabah“ empört sich beispielsweise: „Unser Waffenbruder ist uns in den Rücken gefallen.“ „Die Schicksalsgemeinschaft“, die im Ersten Weltkrieg begonnen habe, sei Geschichte: „Unsere Soldaten haben ihr Leben offenbar umsonst für Deutschland gegeben.“ Der Erdogan-Lautsprecher „Star“ zeigt auf seinem Titelblatt ein Foto von Merkel, auf dem ihr Name so über ihrer Oberlippe plaziert ist, dass der Schriftzug wie ein Hitlerbärtchen wirkt.

          Die dazugehörige Schlagzeile suggeriert, die Resolution spiele allen Feinden der Türkei in die Hände. Sie lautet: „Alles für die PKK“. Cem Özdemir wird als „angeblicher“ Türke bezeichnet und als Mann, der „Armenier und PKK liebt“. Die „Hürriyet“, die sich in den vergangenen Monaten verstärkt der Haltung der Regierung angenähert hat, zeigt ein Foto des Bundestags mit der Schlagzeile: „Schande über Euch“. Im Innenteil ist vom „Völkermord an der Freundschaft“ die Rede. Ganz anders hat die in Istanbul ansässige türkisch-armenische Zeitung „Agos“ reagiert. Deren Chefredakteur Hrant Dink hatte sich für die Versöhnung zwischen Armeniern und Türken eingesetzt und war deshalb 2007 von einem türkischen Nationalisten erschossen worden.

          Nationalismus in schillernden Farben: Vor dem deutschen Konsulat in Istanbul marschieren am 2. Juni Demonstranten auf. Ihre Botschaft ist eindeutig.

          „Die Entscheidung des Bundestages ist vor allem eine Botschaft an die Türkei“, schreibt die Zeitung. Offenbar versuche Deutschland zu sagen: „Wir waren euer bester Verbündeter während des Ersten Weltkriegs und hatten Anteil an dem, was geschah. Wir erkennen das an und bestätigen es, und ihr solltet das Gleiche machen.“ Ob die Türkei diese Botschaft verstehen werde, fragt „Agos“ und antwortet: „Das ist sehr unwahrscheinlich. Doch für die Armenier ist die deutsche Haltung sehr bedeutsam und wichtig.“

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          „Little Joe“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „Little Joe“

          Auch in Konkurrenz um die Goldene Palme: Das Science-Fiction-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner, der am 17. Mai 2019 im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte.

          Wende in der Schicksalswahl?

          TV-Kritik: „Anne Will“ : Wende in der Schicksalswahl?

          Die Affäre um die desaströsen Einlassungen der FPÖ-Politiker Strache und Gudenus auf Ibiza hinterlässt auch in Deutschland Spuren, wie sich bei Anne Will zeigt. Nicht zuletzt wegen der Rolle des „Spiegels“ und der „Süddeutschen Zeitung“.

          „A Hidden Life“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „A Hidden Life“

          Das biografisch gefärbte Filmdrama „A Hidden Life“ von Terrence Malick feierte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 seine Premiere und konkurriert dort um die Goldene Palme.

          Zugekokst auf Ibiza

          FAZ Plus Artikel: Wer wusste vom FPÖ-Video? : Zugekokst auf Ibiza

          Eine Falle, in die man erst mal tappen muss, ein auffälliges Timing bei der Veröffentlichung, aberwitzige Medien-Übernahme-Pläne und Andeutungen: Wer steckt hinter dem FPÖ-Video, und wer wusste alles davon?

          Topmeldungen

          Demokraten in Amerika : Wahlkampf der Identitätspolitiker?

          Amerikas Demokraten diskutieren ihre Strategie für den Kampf gegen Donald Trump: Sollen sie an weiße Arbeiter oder an benachteiligte Gruppen appellieren? Doch es könnte sich auch um eine Scheindebatte handeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.