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Karen Krüger (kkr)

Türkischer Regimekritiker : Wenn die Regierung dem Lynchmob Tipps gibt

  • -Aktualisiert am

Barbaros Sansal mit Models bei einer Schau 2004 Bild: Reuters

Als der türkische Modedesigner und Schwulenaktivist Barbaros Sansal aus dem Urlaub zurückkehrte, attackierten ihn Islamisten und Nationalisten. Verraten hatte ihn eine staatliche Institution.

          2 Min.

          Staatliche Nachrichtenagenturen stehen im Dienste des Staates. An Art und Inhalt der von ihnen verbreiteten Informationen lässt sich deshalb gut ablesen, welche Schwerpunkte und Ziele die jeweilige Regierung verfolgt und welche Mittel sie als legitim erachtet, um diese auch durchzusetzen. Anders gesagt: Die Arbeit staatlicher Nachrichtenagenturen ist ein guter Gradmesser für Diktatur und Demokratie. Wohin die türkische Regierung driftet, hat gerade die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu der ganzen Welt vor Augen geführt. Sie verbreitete eine Nachricht, deren schwerwiegende Folgen jedem, der um die aufgeheizte Stimmung zwischen Religiösen und Säkularen in der Türkei weiß, bewusst gewesen sein müssen – bei den türkischen Agenturjournalisten war das garantiert der Fall.

          Die Nachricht lautete: Der türkische Modedesigner und Schwulenaktivist Barbaros Sansal werde abends mit einer Turkish-Airline-Maschine, die um 20.55 Uhr in Nordzypern startet, am Atatürk-Flughafen von Istanbul ankommen. Als das schließlich geschah, wurde Sansal, noch während er, begleitet von Polizisten, die Gangway des Flugzeugs hinabschritt, von einem wütenden Mob angegriffen. Die Meute, zu der offenbar auch Mitarbeiter des Flughafensicherheitspersonals und Flughafenmitarbeiter zählten, hätte ihn beinahe gelyncht. So ließ die türkische Nachrichtenagentur Anadolu Sansal nicht nur ins offene Messer laufen, sie stachelte zum Angriff auf ihn an. Ihre „Meldung“ war eine Einladung zur Lynchjustiz, der Nationalisten und religiöse Fanatiker bereitwillig folgten.

          Barbaros Sansal, der einst das Brautkleid der türkischen Schwiegertochter des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl entwarf, ist das enfant terrible der türkischen Modeszene. Liberale Türken verehren ihn, für Erdogan-Anhänger ist er ein Hassobjekt. Sansal hat nie einen Hehl aus seiner Homosexualität gemacht, tritt vehement für die Rechte von Schwulen und für den Säkularismus ein und kritisiert seit Jahren die Regierung in Ankara. Während der Gezi-Proteste im Jahr 2013 verbrachte Sansal Tag und Nacht in dem von Demonstranten besetzten Park, moderierte von dort aus eine Fernsehsendung der Aktivisten und avancierte zu deren Aushängeschild.

          Türkei soll „in eigener Scheiße ersticken“

          Der Anlass für die Wut, die Barbaros Sansal nun am Flughafen von Istanbul entgegenschlug, waren eine Videobotschaft und verschiedene Twittereinträge, die der Modedesigner in der Silvesternacht von seinem Ferienhotel in Nordzypern aus in den sozialen Medien veröffentlicht hatte. Er mokierte sich darin mit ironisch-sarkastischen Worten und in zutiefst verzweifeltem Ton über den Zustand der türkischen Gesellschaft und den zunehmenden Islamismus im Land. Er selbst werde, so Sansal in seiner Videobotschaft, nun alles Alkoholische austrinken, was die Hotelbar zu bieten habe – die Türkei solle „in ihrer eigenen Scheiße ersticken“.

          Sansals Mitteilungen lösten unter Islamisten und Nationalisten einen Tsunami der Wut und Empörung aus. Das türkische Innenministerium erließ daraufhin Haftbefehl gegen Sansal, wegen Beleidigung und Volksverhetzung. Die Behörden Nordzyperns setzten den Haftbefehl postwendend um. Sansal wurde festgenommen und mit besagter Turkish-Airlines-Maschine nach Istanbul transportiert. Nachdem er auf dem Rollfeld verprügelt worden war, brachte ihn die Polizei ins Hochsicherheitsgefängnis von Silivri.

          Der AKP-Bürgermeister von Ankara, Melih Gökcek, veröffentlichte im Netz ein Foto des blutigen Gesichts von Sansal. Gökceks Kommentar lautet: Gewalt sei zwar abzulehnen, aber Verräter wie Sansal müssten eben mit dem Volkszorn rechnen. Kritik daran, dass die Polizisten der Anti-Terror-Einheit, die Sansal auf dem Flug begleiteten, den Modedesigner nicht beschützt hatten, blieb aus. Genauso wenig wurde bisher bemängelt, dass die Nachrichtenagentur Anadolu die Angreifer mit den Details zu Sansals Rückkehr versorgt und zu dem Übergriff ermutigt hatte. Das bedeutet nichts anderes, als dass die türkische Regierung Gewalt für ein legitimes Mittel im Umgang mit ihren Kritikern hält.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

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