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Türkei : Der Paukenschlag des Pianisten

Wie gefährlich ist die Regierung Erdogan? Mit der Ankündigung, wegen des sich ausbreitenden Fundamentalismus seiner türkischen Heimat den Rücken kehren zu wollen, hat der Pianist Fazil Say das Land in einen neuen Streit gestürzt.

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          Fazil Say, der mit den Großen der Welt konzertiert hat und selbst einer der Großen geworden ist, will sein Heimatland Türkei verlassen. Das hatte er bereits 1987 getan, damals als Siebzehnjähriger. In Düsseldorf und Berlin wurde der extrovertierte Junge aus Ankara zum Konzertpianisten ausgebildet, von New York aus eroberte er die Konzertsäle der Welt. 2003 kehrte er als Star in die Türkei zurück: um seinen Wehrdienst zu leisten und um mit einer beispiellosen Tournee („Ein Virtuose auf türkischen Straßen“) Klassik in anatolische Provinzstädte zu bringen. Die EU zeichnete ihn als Botschafter für den „Dialog zwischen den Kulturen“ aus.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Und dann dieses Gespräch. Zusammen mit dem Violinisten Renaud Capu- çon und einem Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ saß er im Café des Louvre und sagte: „Weißt du, unsere Träume wurden ein bisschen getötet in der Türkei. Die Frauen aller Minister tragen Kopftücher, die Islamisten haben ohnehin schon gewonnen, wir sind dreißig Prozent, die sind siebzig. Ich denke darüber nach, woanders hinzuziehen.“ Bereits das schlug zu Hause wie eine Bombe ein. Um alle Zweifel zu beseitigen, legte Say eine schriftliche Erklärung nach. Er sei dagegen, dass die Türkei in das Dunkel des Mittelalters abgleite. „Sollten eines Tages die Kräfte der Dunkelheit das Existenzrecht für unsere Republik und unsere nationalen Werte nicht anerkennen, werden wir nicht jene sein, die sich ergeben.“ Das war kein Klavierton mehr. Das war ein Paukenschlag.

          Die weißen und die schwarzen Türken

          Künstler sind die Sensoren einer Gesellschaft. Fazil Say ist nicht der einzige türkische Künstler und Intellektuelle, der seinen bisherigen Lebensstil in Gefahr sieht. Was der Pianist und Komponist, der zwischen Bosporus und der Seine pendelt, ausspricht, sagt in Deutschland auch Necla Kelek. Fazil Say stammt aus einer bekannten Intellektuellenfamilie, sein Vater Ahmet Say lehrt in Ankara Musikwissenschaft. Die Says gehören damit zu jenen „weißen Türken“, die sich seit der Regierungsübernahme von Erdogans AKP, der politischen Repräsentantin der „schwarzen Türken“ Anatoliens, im eigenen Land in der Minderheit sehen und besiegt.

          Andere bekannte Gesichter der Türkei verließen ebenfalls ihr Land, wenn auch nur vorübergehend und aus anderem Grund. Der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk suchte in New York Zuflucht vor den nationalistischen Eiferern, und Arat Dink will nicht, dass ihm dasselbe Schicksal widerfährt wie seinem Vater Hrant Dink, dem armenisch-türkischen Intellektuellen, der auf offener Straße ermordet wurde. Arat Dink hat sich deshalb in Brüssel niedergelassen. Er und Pamuk fürchten den nationalistischen Pöbel, Say hingegen misstraut der Regierung Erdogan. Aus Ankara rief Ahmet Say seinem Sohn daher am Wochenende zu: „Gehe nicht fort, kämpfe stattdessen!“ Auch der stellvertretende Vorsitzende der „Republikanischen Volkspartei“ (CHP), Kemal Kiliçdaroglu, posaunte prompt, nicht flüchten sei die Lösung, sondern kämpfen.

          Scharia und Mini-Bikinis

          In der Türkei hat sich das Machtgleichgewicht verschoben. Das Land ist ein anderes geworden. Mit der Parlamentswahl vom 22. Juli und der Wahl vom Abdullah Gül zum Staatspräsidenten ist die erste Republik der Türkei zu Ende gegangen, die Epoche des Kemalismus also. Was an ihre Stelle treten wird, zeichnet sich noch nicht klar ab. Eine Demokratie nach westlichem Maßstab mit einer toleranten pluralistischen Gesellschaft aber wird es so schnell nicht sein. Der liberale Kommunikationsprofessor Haluk Sahin, kulturpessimistischer Kolumnist der Zeitung „Radikal“, erwartet eher einen „postmodernen Brei“ mit „viel Konsumkultur und etwas Islam und etwas Demokratie“, eine Ordnung, die allen einen Platz bietet: den Predigern der Scharia wie den Trägerinnen von Mini-Bikinis. Die aber keinen Platz haben soll für Fazil Say?

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