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TTIP : Das böse Wort Kultur

  • -Aktualisiert am

Chris Evans und Sebastian Stan in dem Film „Captain America: The Winter Soldier“ Bild: ddp Images

In dieser Woche protestieren die Kulturschaffenden gegen das transatlantische Freihandelsabkommen. Der deutsche Geist fürchtet sich vor der Invasion des amerikanischen Kommerzes. Ein großer Unsinn?

          6 Min.

          Es gibt ein paar gute Gründe, nicht alles zu glauben, was uns unsere Regierung über das Transatlantische Freihandelsabkommen erzählt, und den meisten der schönen Heilsversprechungen zu misstrauen – doch in der nächsten Woche wird vor allem von dieser Furcht hier die Rede sein: Wenn TTIP (so die Abkürzung für: Transatlantic Trade and Investment Partnership) kommt, dann ist es das Ende der deutschen Kultur.

          Am nächsten Donnerstag werden sich in Berlin, wie es in der Pressemitteilung heißt, „Kulturschaffende, Kultureinrichtungen und Kulturverbände“ zusammentun, um einen „Tag gegen TTIP“ zu feiern. Es wird Vorträge und Diskussionen geben, und der Schrecken, welcher da mal wieder beschworen wird, lässt sich, nur leicht zugespitzt, so zusammenfassen: Wenn TTIP kommt, dann drohen uns amerikanische Zustände.

          Dann werden die Stadttheater zu Parkhäusern, die Opernhäuser zu Erlebnisschwimmbädern, die Symphonieorchester werden sich auflösen, die Museen ihre Bestände verkaufen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird abgeschafft, das deutsche Kino auch, die letzten Buchhandlungen werden Burger-Restaurants weichen.

          Buchläden zu Burger-Ketten

          All die Schriftsteller, die von Stipendien und Stadtschreiberstellen und Preisgeldern ohnehin schon nicht besonders gut leben, werden sich arbeitslos melden, die Schauspieler werden kellnern, die Musiker an zugigen Straßenecken ihre Instrumente auspacken und um ein paar Münzen für die Passanten spielen. Es wird das Ende dessen sein, was wir seit Jahrhunderten für kulturelles Leben halten.

          Denn all das, der gesamte deutsche Kulturbetrieb, wird von uns, dem steuerzahlenden Volk, subventioniert. Subventionen sind aber Handelshemmnisse, weil sie all jene benachteiligen, die ohne sie auskommen, und solche Handelshemmnisse soll TTIP abschaffen, dazu ist es ja da.

          Bleiben wird nur, was sich auf dem Markt behaupten kann. Kommerzielles Kino, kommerzielles Fernsehen, kommerzielles Musicaltheater. Und eine Kunst, die sich den Launen reicher Mäzene und Sponsoren unterwirft.

          Wie klein ist der gemeinsame Nenner

          Es gibt ein paar handfestere Gründe, die TTIP-Pläne mit Skepsis zu betrachten, und von denen handelt Thilo Bodes Buch „Die Freihandelslüge“. Es tritt in diesem Buch kein einziges Symphonieorchester auf, es geht eher um die Frage, was aus den Standards im Umwelt- und Verbraucherschutz wird, wenn sich so viele Parteien einigen müssen, dass der gemeinsame Nenner fast zwangsläufig immer kleiner wird.

          Es geht darum, dass ein solches Abkommen nicht automatisch der gesamten Wirtschaft nutzt, sondern womöglich nur jenen supranationalen Konzernen, die, wenn der Markt noch größer wird, womöglich noch schlechter zu bändigen sein werden durch nationale Gesetze.

          Man muss nicht jeder Hypothese Bodes zustimmen, um das Buch mit Interesse zu lesen – aber eines begreift man bei der Lektüre sofort, selbst wenn man in allen anderen Punkten anderer Meinung ist: Die Konflikte, die rund um TTIP ausgetragen werden, sind keine Konflikte zwischen Europäern und Amerikanern. Im Gegenteil. Einige der besten Argumente kommen von Amerikanern, von Joseph Stiglitz beispielsweise oder von demokratischen Abgeordneten im Kongress.

          Und als in der vergangenen Woche der amerikanische Senat dem Präsidenten die Mehrheit verweigerte bei einer Abstimmung über das transpazifische Handelsabkommen, da hörten sich die Argumente erstaunlich europäisch an: zu niedrige Standards, zu wenig Rechte für Verbraucher und Arbeitnehmer.

          Ein Amerika-Bild wie aus den Fünfzigern

          Wenn man das vor Augen hat, ist man, als Kulturredakteur, fast versucht, sich zu schämen für unsere sogenannten Kulturschaffenden. Denn einerseits scheinen sie so verzagt und kraftlos zu sein, dass sie sich das Ergebnis der Verhandlungen ums Freihandelsabkommen nur als den Sieg der Amerikaner und die bedingungslose Kapitulation der Europäer vorstellen können.

          Und andererseits wird hier ein Amerika-Bild entworfen, von dem man eigentlich dachte, es sei verschwunden und vergangen mit jenen fünfziger Jahren, in denen Eltern, die noch das Horst-Wessel-Lied in den Ohren hatten, ihren Kindern die barbarische, damals sogenannte Negermusik verboten. Es ist das Bild eines Landes ohne Geist und tieferes Empfinden, das Bild einer Gesellschaft, die sich über den Wert des Wahren, Guten und Schönen nur noch im Medium des Geldes verständigen kann.

          Es ist ein Bild, aus dem die Schriftsteller und die Rapper, die Filmer und die Videokünstler, die Schauspieler und Maler herausradiert sind. Ein Bild, in dem es nicht mal ein Eckchen gibt für all die Migranten des Geistes und der Künste aus Weißrussland, Nigeria, Südamerika, für Evgeny Morozov, Junot Diaz oder Chimamanda Ngozi Adichie, die in den Vereinigten Staaten ein neugieriges Publikum finden, phantastische Produktionsbedingungen. Und Teilhabe an einem Diskurs, in dem es um mehr geht als um die Frage, wer wann welche Subventionen bekommt.

          Was ist mit den Migranten des Geistes?

          Man möchte, wenn man dauernd hört und liest, dass hier, in Deutschland, die Kultur sei und dort, in Amerika, bloß der Kommerz (man kann, wenn man genau hinhört, sogar brave deutsche Linke von „amerikanischer Unkultur“ sprechen hören), sich den Gebrauch des Wörtchens Kultur ausdrücklich verbitten – schon weil der so deutlich ans Gegensatzpaar des frühen 20. Jahrhunderts erinnert, an die Zeit, da wir in Deutschland angeblich eine Kultur hatten und die Plutokraten im Westen nur eine Zivilisation.

          Die Kultur, wie sie, nur zum Beispiel, jener Deutsche Kulturrat versteht, der sich zum Wortführer der Kampagne gemacht hat, diese Kultur steht, anders als vor hundert Jahren, nicht unbedingt mehr für die Seelentiefe und die Abgründe des deutschen Geistes und der deutschen Kunst. Sie steht nur noch für das, worauf Jurys und Fördergremien sich gefahrlos einigen können. Aber der Feind steht da, wo ihn schon die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ hingestellt haben: im Westen, in Amerika. Auf dieses Ressentiment können sich Rechte wie Linke erstaunlich gut einigen.

          Kultur ist doch Handelsware

          „Kultur ist keine Handelsware.“ Das war, als die Proteste losgingen, vor ungefähr einem Jahr, der Satz, der die deutsche Eigenart behaupten sollte gegenüber dem Kommerz der Amerikaner. Es ist seinen Urhebern anscheinend gar nicht aufgefallen, dass diesen Satz all jene, die sich Musik, Texte und Filme illegal herunterladen, sofort unterschreiben würden.

          Während jene, die Bücher schreiben, Filme machen oder im Theater spielen, sehr interessiert daran sind, dass die Leute den Eintritt oder den Kaufpreis bezahlen. Was vermutlich der Grund dafür war und ist, dass der Protest eher von den Funktionären und professionellen Interessenvertretern angetrieben wird als von Schriftsteller, Künstlern, Schauspielern.

          Kultur sei mehr als bloß eine Handelsware, so heißt es heute – und wieder fällt den Urhebern nicht auf, dass dieser Satz eigentlich für alles gilt, was man kaufen kann. Mein Haus, wenn ich es erst gekauft habe, ist meine Burg, mein Auto mein Heiligtum, mein Hund womöglich mein bester Freund.

          Kultur, hat Nils Minkmar vor ein paar Jahren in diesem Feuilleton geschrieben, „duldet keinen Widerspruch.“ Und der Soziologe Francesco Masci sah in Berlin, was vermutlich fürs ganze Deutschland gilt: dass die, wie er es nennt, „absolute Kultur“ den Streit, den Konflikt, ja die Politik vollständig verdrängt hat.

          Über Kultur darf nicht gestritten werden, nur um die Kultur – und das ist offenbar auch der Grund, weshalb der Widerstand gegen TTIP hier so heftig ist und weshalb es eher die Funktionäre als die Künstler sind, die von dieser Heftigkeit erfasst worden sind: Nicht etwa, weil eine realistische Aussicht bestünde, dass geheime Schiedsgerichte die Buchpreisbindung kippten und dem bayerischen Staat die Subventionierung des Münchner Nationaltheaters untersagten – sondern weil sich, angesichts der angeblichen gewaltigen Bedrohung, alle Legitimationsfragen von selbst erledigen.

          Müde vom Mist

          Man muss in diesem Zusammenhang nicht schon wieder ausführlich vom halbtot geförderten und subventionierten deutschen Film sprechen – obwohl die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis schon wieder den ganzen Jammer deutlich machen. Man kann auch aufs öffentlich-rechtliche Fernsehen verweisen, dessen Hierarchen jede Kritik an der Qualität des Programms und dessen kultureller Unterbelichtung als schnöselig, rein subjektiv und als Geringschätzung des Mehrheitsgeschmacks zurückweisen – obwohl sich doch an jedem beliebigen Fernsehabend offenbart, dass sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten ihre Quote ausschließlich dort holen, wo sie am leichtesten zu bekommen ist: bei denen, die zu alt zum Ausgehen, zu sehschwach fürs Lesen dicker Bücher sind.

          Und wohl auch zu müde, gegen den Mist, den man ihnen vorsetzt zu protestieren. Während das kulturell aktivere Publikum längst vergessen hat, wozu, außer um „House of Cards“ zu sehen, dieser rechteckige Bildschirm im Zimmer steht. Dieselben Hierarchen fordern jetzt aber, da die Zwangsfinanzierung im Sinne des TTIP als Handelshemmnis gewertet werden könnte, die Anerkennung ihres Programms als gefährdetes Kulturgut.

          Kultur ist das Wort, das wir an jede Scheune nageln, die für die Landwirtschaft nicht mehr zu gebrauchen ist, an jede Brauerei, aus der die Bierproduktion ausgelagert wurde. Kultur ist der Nenner, auf welchen sich die Gremien, die Räte, die Jurys einigen können, der Dämmstoff, welcher den Lärm und die Kälte tatsächlicher Konflikte draußen hält, wenn deutsche Funktionäre die Fördermittel vergeben. Sie ist also das Gegenteil dessen, was uns die Kunst sein müsste: Anspruch und Zumutung, Gipfel und Abgrund, eine Herausforderung und vielleicht der Vorschein eines besseren Lebens.

          Und schon deshalb haben die Proteste der „Kulturschaffenden, Kultureinrichtungen und Kulturverbände“ mit den tatsächlichen Gefahren des Freihandelsabkommens kaum etwas zu tun. Die Gefahr, um die es hier geht, wäre die, dass wir, die Gesellschaft uns bewusst würden, wie brav, niedlich und obrigkeitshörig unsere Kultur geworden ist.

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