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TTIP : Das böse Wort Kultur

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Kultur sei mehr als bloß eine Handelsware, so heißt es heute – und wieder fällt den Urhebern nicht auf, dass dieser Satz eigentlich für alles gilt, was man kaufen kann. Mein Haus, wenn ich es erst gekauft habe, ist meine Burg, mein Auto mein Heiligtum, mein Hund womöglich mein bester Freund.

Kultur, hat Nils Minkmar vor ein paar Jahren in diesem Feuilleton geschrieben, „duldet keinen Widerspruch.“ Und der Soziologe Francesco Masci sah in Berlin, was vermutlich fürs ganze Deutschland gilt: dass die, wie er es nennt, „absolute Kultur“ den Streit, den Konflikt, ja die Politik vollständig verdrängt hat.

Über Kultur darf nicht gestritten werden, nur um die Kultur – und das ist offenbar auch der Grund, weshalb der Widerstand gegen TTIP hier so heftig ist und weshalb es eher die Funktionäre als die Künstler sind, die von dieser Heftigkeit erfasst worden sind: Nicht etwa, weil eine realistische Aussicht bestünde, dass geheime Schiedsgerichte die Buchpreisbindung kippten und dem bayerischen Staat die Subventionierung des Münchner Nationaltheaters untersagten – sondern weil sich, angesichts der angeblichen gewaltigen Bedrohung, alle Legitimationsfragen von selbst erledigen.

Müde vom Mist

Man muss in diesem Zusammenhang nicht schon wieder ausführlich vom halbtot geförderten und subventionierten deutschen Film sprechen – obwohl die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis schon wieder den ganzen Jammer deutlich machen. Man kann auch aufs öffentlich-rechtliche Fernsehen verweisen, dessen Hierarchen jede Kritik an der Qualität des Programms und dessen kultureller Unterbelichtung als schnöselig, rein subjektiv und als Geringschätzung des Mehrheitsgeschmacks zurückweisen – obwohl sich doch an jedem beliebigen Fernsehabend offenbart, dass sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten ihre Quote ausschließlich dort holen, wo sie am leichtesten zu bekommen ist: bei denen, die zu alt zum Ausgehen, zu sehschwach fürs Lesen dicker Bücher sind.

Und wohl auch zu müde, gegen den Mist, den man ihnen vorsetzt zu protestieren. Während das kulturell aktivere Publikum längst vergessen hat, wozu, außer um „House of Cards“ zu sehen, dieser rechteckige Bildschirm im Zimmer steht. Dieselben Hierarchen fordern jetzt aber, da die Zwangsfinanzierung im Sinne des TTIP als Handelshemmnis gewertet werden könnte, die Anerkennung ihres Programms als gefährdetes Kulturgut.

Kultur ist das Wort, das wir an jede Scheune nageln, die für die Landwirtschaft nicht mehr zu gebrauchen ist, an jede Brauerei, aus der die Bierproduktion ausgelagert wurde. Kultur ist der Nenner, auf welchen sich die Gremien, die Räte, die Jurys einigen können, der Dämmstoff, welcher den Lärm und die Kälte tatsächlicher Konflikte draußen hält, wenn deutsche Funktionäre die Fördermittel vergeben. Sie ist also das Gegenteil dessen, was uns die Kunst sein müsste: Anspruch und Zumutung, Gipfel und Abgrund, eine Herausforderung und vielleicht der Vorschein eines besseren Lebens.

Und schon deshalb haben die Proteste der „Kulturschaffenden, Kultureinrichtungen und Kulturverbände“ mit den tatsächlichen Gefahren des Freihandelsabkommens kaum etwas zu tun. Die Gefahr, um die es hier geht, wäre die, dass wir, die Gesellschaft uns bewusst würden, wie brav, niedlich und obrigkeitshörig unsere Kultur geworden ist.

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