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TTIP : Das böse Wort Kultur

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Ein Amerika-Bild wie aus den Fünfzigern

Wenn man das vor Augen hat, ist man, als Kulturredakteur, fast versucht, sich zu schämen für unsere sogenannten Kulturschaffenden. Denn einerseits scheinen sie so verzagt und kraftlos zu sein, dass sie sich das Ergebnis der Verhandlungen ums Freihandelsabkommen nur als den Sieg der Amerikaner und die bedingungslose Kapitulation der Europäer vorstellen können.

Und andererseits wird hier ein Amerika-Bild entworfen, von dem man eigentlich dachte, es sei verschwunden und vergangen mit jenen fünfziger Jahren, in denen Eltern, die noch das Horst-Wessel-Lied in den Ohren hatten, ihren Kindern die barbarische, damals sogenannte Negermusik verboten. Es ist das Bild eines Landes ohne Geist und tieferes Empfinden, das Bild einer Gesellschaft, die sich über den Wert des Wahren, Guten und Schönen nur noch im Medium des Geldes verständigen kann.

Es ist ein Bild, aus dem die Schriftsteller und die Rapper, die Filmer und die Videokünstler, die Schauspieler und Maler herausradiert sind. Ein Bild, in dem es nicht mal ein Eckchen gibt für all die Migranten des Geistes und der Künste aus Weißrussland, Nigeria, Südamerika, für Evgeny Morozov, Junot Diaz oder Chimamanda Ngozi Adichie, die in den Vereinigten Staaten ein neugieriges Publikum finden, phantastische Produktionsbedingungen. Und Teilhabe an einem Diskurs, in dem es um mehr geht als um die Frage, wer wann welche Subventionen bekommt.

Was ist mit den Migranten des Geistes?

Man möchte, wenn man dauernd hört und liest, dass hier, in Deutschland, die Kultur sei und dort, in Amerika, bloß der Kommerz (man kann, wenn man genau hinhört, sogar brave deutsche Linke von „amerikanischer Unkultur“ sprechen hören), sich den Gebrauch des Wörtchens Kultur ausdrücklich verbitten – schon weil der so deutlich ans Gegensatzpaar des frühen 20. Jahrhunderts erinnert, an die Zeit, da wir in Deutschland angeblich eine Kultur hatten und die Plutokraten im Westen nur eine Zivilisation.

Die Kultur, wie sie, nur zum Beispiel, jener Deutsche Kulturrat versteht, der sich zum Wortführer der Kampagne gemacht hat, diese Kultur steht, anders als vor hundert Jahren, nicht unbedingt mehr für die Seelentiefe und die Abgründe des deutschen Geistes und der deutschen Kunst. Sie steht nur noch für das, worauf Jurys und Fördergremien sich gefahrlos einigen können. Aber der Feind steht da, wo ihn schon die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ hingestellt haben: im Westen, in Amerika. Auf dieses Ressentiment können sich Rechte wie Linke erstaunlich gut einigen.

Kultur ist doch Handelsware

„Kultur ist keine Handelsware.“ Das war, als die Proteste losgingen, vor ungefähr einem Jahr, der Satz, der die deutsche Eigenart behaupten sollte gegenüber dem Kommerz der Amerikaner. Es ist seinen Urhebern anscheinend gar nicht aufgefallen, dass diesen Satz all jene, die sich Musik, Texte und Filme illegal herunterladen, sofort unterschreiben würden.

Während jene, die Bücher schreiben, Filme machen oder im Theater spielen, sehr interessiert daran sind, dass die Leute den Eintritt oder den Kaufpreis bezahlen. Was vermutlich der Grund dafür war und ist, dass der Protest eher von den Funktionären und professionellen Interessenvertretern angetrieben wird als von Schriftsteller, Künstlern, Schauspielern.

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