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Tschetschenischer Popstar : Rapper für Russland

  • -Aktualisiert am

Timur Junussow, genannt Timati, im Juni 2011 in Moskau Bild: Picture-Alliance

Ideologische Tabus sind nun auch in der tschetschenischen Popszene en vogue. Asketische Musiker sind nicht nur Helden der Popkultur: Timur Junussow passt den Russen gut in den Kram.

          Am tschetschenischen Wesen soll Russland genesen. Der Chef der gewaltsam befriedeten Kaukasusrepublik, Ramsan Kadyrow, verlieh dem tschetschenischen Rapper Timur Junussow (Künstlername Timati) soeben den Ehrentitel „verdienter Künstler Tschetscheniens“, weil er als Kultfigur der nationalen Popszene weder trinke noch rauche, zudem professionell Sport treibe und so Millionen von jungen Leuten ein positives Beispiel gebe - ganz im Unterschied zu gewissen anderen einheimischen Pop-Idolen, die westlichen Moden wie Drogenkonsum oder nichttraditioneller sexueller Orientierung nacheiferten, ergänzte Kadyrow und verwies so auf den russischen Popsänger und eleganten Narziss Dima Bilan, den der kleingewachsene, muskelbepackte Timati unlängst dafür rügte, dass er beim jüngsten Konzertauftritt wie zugedröhnt ausgesehen habe.

          In einem Saal voller Jugendlicher und Kinder sei das eine Schande, tadelte der ganzkörpertätowierte Timati, der außerdem Bart, Glatze und Sonnenbrille trägt. Seine monotonen, computersymphonisch untermalten Texte beschwören, politisch durchaus korrekt, die männliche Bereitschaft zum Kampf - cool ist auch von „Battle“ die Rede, was aber kyrillisch geschrieben wird -, den Dienst am Volk und als Getränk allenfalls Kaffee.

          Drogentests für Popsänger

          Es ist nicht lange her, da schmähte Timati einen anderen russischen Popstar, Filipp Kirkorow, anlässlich von dessen Auszeichnung durch den Fernsehkanal „Mus-TW“, in einem eigenen Videoclip für dessen unterstellte Homosexualität und deklamierte metonymisch drohend, Kirkorows Musik gehöre auf den Friedhof. Die Schicksalsrepublik Tschetschenien, die Russland durch Sondersubventionen und Steuerprivilegien aussaugt, die zugleich aber die demographisch fruchtbarste ist, hat es offenbar auf eine Führungsrolle bei der eurasischen Umschmiedung der russischen Popkultur abgesehen.

          Der 38 Jahre alte Kadyrow, der Präsident Putin persönlich verbunden und stolz ist auf seine Nähe zur Jugend, erbietet sich, in der russischen Popszene, die bislang eine gewisse „europäische“ Narrenfreiheit genoss, das neue ideologische Tabu gegen Drogen, Alkohol und Homosexualität durchzusetzen. Es wirkt schon. Wegen des Kirkorow-Skandals schaffte „Mus-TW“ seinen Preis ab, und Bilan erklärte sich bereit zum Drogentest, woraufhin Timati ankündigte, da werde er mitgehen. Kadyrow, der auch Kämpfer in die Ostukraine schickte und dieses Jahr erstmals Rekruten in die russische Armee, meldete außerdem, der IS-Truppenführer Tarchan Batiraschwili, der nach Syrien und Irak jetzt auch Tschetschenien und Russland „befreien“ wollte, sei getötet worden. Da keine Hoffnung dieses Staatsgebäude tragen kann, soll eine Architektur aus Furcht es stabilisieren.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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