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Tschechien : Die Geburt eines Nationalisten

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Das Standbild vor dem Prager Außenministerium: Edvard Benes als prägende Figur der jüngeren tschechischen Geschichte Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

„Neue Menschlichkeit“ verkündete er 1945, daraus wurde die Vertreibung der „odsun“, der Sudetendeutschen. Jirí Gruša stürzt nun mit einer polemischen Biographie Edvard Benes vom Sockel.

          Tschechien ehrt den Staatsmann, der zweimal Präsident der Tschechoslowakei war, mit einem Standbild vor dem Außenministerium in Prag. Kennt das Volk heroischer Humanisten und tapferer Glaubenskämpfer wie Jan Hus wirklich keine besseren Helden? In Prags herrlicher Altstadt wirkt dieser Benes, der im Mai 1945 per Dekret mehr als zwei Millionen Deutsche vertreiben ließ, wie ein Relikt aus kommunistischer Zeit. Schließlich hatte Benes die Sowjetunion als Verbündeten der Tschechen schon 1938 ins Spiel gebracht, kehrte 1945 mit russischen Truppen im Triumph von Osten ins Vaterland zurück und ermöglichte im Februar 1948 die Machtübernahme der Kommunisten.

          Bald danach war Benes, die zwiespältigste Figur der jüngeren Geschichte des Landes, tot. Doch die Kommunisten, deren Partei er nie angehörte, ehrten ihn bewusst nicht. Erst 2005 bekam der Vater der Tschechoslowakei sein Denkmal, als wollte die neue politische Elite den Urheber der Vertreibung endlich belobigen.

          Er kann ihn nicht ausstehen

          Wenn Jiří Gruša, der nach 1989 für die junge tschechische Demokratie als Botschafter und Schulminister wirkte, bevor er Präsident des internationalen PEN-Clubs wurde, nun Benes eine Biographie widmet, sticht er damit ganz bewusst in eine Wunde. In Brünn und Prag, vorher noch in Wien stellte Gruša am Wochenende seinen Essay „Benes jako Rakušan“ (Benes als Österreicher) vor. Und beim Gespräch über das auf Deutsch noch nicht erschienene Werk zeigt sich, dass der einstige Dissident sich auf die vorhersehbaren Fehden freut: „Ich habe schon Hass-Mails bekommen: und zwar sowohl von sudetendeutschen Funktionären wie auch von Tschechen, die mich als ,Georg Gruschka‘ beschimpfen. Das Buch kann also nicht schlecht sein.“

          Zu oft erlebt, wie Denkmäler gestürzt wurden: Benes-Biograph Jirí Gruša

          In der Tat macht Gruša keinen Hehl daraus, dass er den einflussreichsten und verhängnisvollsten Politiker in der jüngeren Geschichte seines Landes nicht ausstehen kann. Nicht einmal als Person, gegen deren beamtenhaften Habitus, deren „weinerliche Stimme“ der Autor munter vom Leder zieht. Gruša möchte mit seinem Buch das „Ende der Legitimation von Benes“ herbeischreiben: „Meine Landsleute mögen ihn zwar nicht sonderlich, aber das mit der Vertreibung - denken viele - das war gar nicht übel.“

          Fast ein Huber geworden

          Um beim „odsun“, der oft brutalen Aussiedlung der deutschen Minderheit, anzukommen, holt der Autor weit aus und erklärt dabei seinen befremdlichen Buchtitel: Mit dem deutschen Taufnamen „Eduard“ ist dieser Nationalist Benes nicht nur als Untertan der Habsburgermonarchie zur Welt gekommen. Noch nach seinem Studium in Frankreich verteidigte er jenen Vielvölkerstaat, den Gruša als „ÖU“ ironisiert. Aus der „ergiebigen Kloake des mitteleuropäischen Nationalismus“ erstand in Böhmen 1895 die erste nationalsozialistische Partei der Welt - exklusiv für Tschechen, die dem Internationalismus der Sozialdemokratie abschwören wollten. Hitler hätte also, so Gruša, eigentlich Tantiemen nach Prag überweisen müssen. Für diese rabiate, allerdings niemals rassistische Partei des „Národní socialismus“ wurde Benes erst Außenminister, dann 1935 Präsident der Nation, die er sich mit anderen Politikern im Pariser Exil des Ersten Weltkrieges ausgedacht hatte: Tschechoslowakei.

          Gruša genießt die Dekonstruktion von Gewissheiten: Der erste Verlobte von Mutter Benes war ein Mann namens Huber, erst der erfolgreichere Bräutigam habe dem Land also einen weiteren sudetendeutschen Anführer erspart. Umgekehrt hörte, wie sollte es anders sein, die Mutter des nationalsozialistischen Sudetenführers Henlein auf den Namen Dvořáčková. Und hatte nicht auch Hitler, als Österreicher geboren im böhmisch-bayrischen Grenzland, ein Identitätsproblem mit allerhand tschechischer Verwandtschaft? Für Gruša heißt der Mann, der bei Nürnberger Parteitagen gegen „den Herrn Peenesch“ in Richtung Prag wetterte, deshalb auch „Hydl“ oder „Hydla“. Dass die tschechische Nationalautorin Božena Němcová eigentlich Barbara Pankl hieß und aus Wien kam, dass der Gründervater der Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk, Sohn eines slowakischen Knechts, an dessen Vaterschaft zweifeln musste und nie richtig Tschechisch sprach - solche Widersprüche, die das zwanzigste Jahrhundert blutig wegwischte, hätten auch die kulturelle Stärke Mitteleuropas ausmachen können.

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