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Trump und Amerikas Medien : Verdammtes Glück

Auf dem Weg in die medienfreie Zone: Melania und Donald Trump gehen an Bord der Air Force One Bild: STEPHEN CROWLEY/The New York Tim

Amerikanische Zeitungen und Magazine haben dem Präsidenten den Kampf angesagt - jetzt geht es ihnen so gut wie lange nicht. Ist Kritik an Trump ein gutes Geschäftsmodell?

          5 Min.

          Vor ein paar Wochen wagte der Journalist Farhad Manjoo, der Technik-Kolumnist der „New York Times“, ein nahezu aussichtsloses Experiment: Eine Woche lang versuchte er, Artikel über Donald Trump zu vermeiden. Er konzentrierte sich Nachrichten aus Wirtschaft und Wissenschaft, wich auf internationale Medien aus, flüchtete in Sitcoms und Castingshows - und traf überall nur: Trump, Trump, Trump. Sicher, Manjoo hätte sich einfach ohne Handy in eine einsame Berghütte zurückziehen oder sich eine Woche lang in die Hegel-Gesamtausgabe vertiefen können, aber auch wenn seinem Selbstversuch die nötige Konsequenz fehlte, veranschaulichte er ganz gut, was kürzlich Marktforscher in einer nüchternen Analyse ermittelt haben: Noch nie wurde soviel über einen einzigen Menschen geschrieben wie über Donald Trump. Müsste er dafür zahlen wie für Anzeigen, so rechnete es die Firma mediaQuant aus, hätte ihn die Berichterstattung allein im Januar 817 Millionen Dollar gekostet; der Wert der Berichte über die tausend Prominenten, die in dem Ranking hinter ihm lagen, lag zusammen bei 721 Millionen Dollar. Eine Analyse der Nachrichten großer Medien, von der „New York Times“ bis zur ARD, welche die Universität Harvard gerade veröffentlichte, stellte fest, dass Trump in seinen ersten 100 Tagen als Präsident Thema von 41 Prozent aller Nachrichtenmeldungen war – dreimal so oft wie irgendein Präsident vor ihm.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Um Manjoos Erkenntnis zu bestätigen braucht man keine aufwendigen Studien: „Präsident Trump kann man nicht entkommen“. Die Frage, die sich zurzeit vielen amerikanischen Journalisten stellt ist eher, ob sie das überhaupt wollen. Schon im Wahlkampf sorgte Trump für steigende Auflagen und Einschaltquoten, bei den mit ihm sympathisierenden Blogs und Sendern genauso wie bei jenen Medien, gegen die er bei jeder Gelegenheit stänkerte. Doch während seine Wahlhelfer, die nun gewissermaßen vom Organ des Protest gegen den Mainstream zum Sprachrohr der herrschenden Politik geworden sind, zur Zeit rasant Leser und Zuschauer verlieren, fing bei der liberalen Konkurrenz der Boom nach der Wahl erst so richtig an: Das Magazin „New Yorker“ gewinnt seit November monatlich an die 100000 Abonnenten dazu, vier bis fünfmal so viele wie im Vorjahr, und liegt nun bei einer Rekordauflage von 1,1 Millionen (digital und Print), die Kollegen von „The Atlantic“ mussten im Januar 40000 Exemplare ihres Heftes nachdrucken, weil es ausverkauft war, ein Begriff, der im Zeitschriftenhandel schon ewig nicht mehr zum Wortschatz gehörte. Mitte Mai brach die Website des Magazins mit der Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe auch bei „The Atlantic“ alle Rekorde. Ähnlich sieht es bei den großen amerikanischen Tageszeitungen aus, die „Washington Post“, der „Boston Globe“, alle vermelden steigende Auflagen. Die größten Gewinne aber machte Trumps Lieblingsfeind, die „failing“ „New York Times“, was sich vor allem beim Wachstum der Digital-Abos bemerkbar macht, welche im ersten Quartal auf 2,2 Millionen stiegen, eine Million mehr als im Vorjahr.

          Solange der Wahnsinn herrscht, nehmen sie mit, was sie können

          Dass das Interesse an Nachrichten, an journalistischer Analyse und investigativer Recherche, in politisch derart aufregenden Zeiten wächst, ist kein Wunder – dass es sich im kommerziellen Erfolg der schon so oft totgesagten Publikationen niederschlägt, versteht sich trotzdem nicht von selbst. So sehr sich die Verlagsmanager über das Ausmaß des „Trump bumps“ noch immer die Augen reiben mögen, so konsequent versuchen sie, von der ungebrochene Sehnsucht der Leser zu profitieren, den Wahnsinn dieser Präsidentschaft zu verstehen oder wenigstens nicht einen Moment davon zu verpassen. Die teuren Werbespots der „The truth is hard“-Kampagne, in denen die „New York Times“ in der Oscar-Nacht dem Präsidenten unverhohlen den Kampf ansagten, das apokalyptische Motto „Democracy dies in Darkness“, mit dem die „Washington Post“ ihren Leser neuerdings den Ernst der Lage verdeutlicht, die frontale Opposition, die „New Yorker“-Chef David Remnick noch in der Wahlnacht formulierte, als er Trumps Sieg als „amerikanische Tragödie“ bezeichnete und vor dem Beginn des Faschismus warnte: all das ist sicher auch der Ausdruck von aufrichtiger Verzweiflung und eine absolut angemessene Reaktion auf einen Mann, der täglich neu die Frage aufwirft, ob er ein skrupelloser Lügner, ein beratungsresistenter Egomane oder doch ein pathologischer Irrer ist.

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