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Trostlose Bauwelt : Architekten: Auf die Barrikaden!

Über die Vororte wird viel zu wenig gestritten

Und ist die angebliche energetische Ertüchtigung der Vorstädte nicht auch eine große Lüge der Dämmstoffindustrie, die gerade das Geschäft ihres Lebens macht? Wäre es nicht ökologischer, die Städte zu verdichten und die brachliegenden Flachdächer in Gärten umzuwandeln, so dass die Pendler in der Stadt bleiben könnten, anstatt mit ihren Großraumlimousinen in die Kiste vor der Stadt zu fahren? Und dabei zehnfach jene Energie zu verdieseln, die der klapperige Dämmputz einspart? Und das alles nur, um in einem Haus „im Grünen“ zu sein, was ja oft auch, siehe unser Foto oben, eine große Selbsttäuschung ist: Vom Garten des 500-Quadratmeter-Grundstücks bleiben, nachdem neben dem Haus noch zwei Autostellplätze, ein Schuppen für Fahrräder, Rasenmäher und Grill sowie eine Terrasse abgezogen werden mussten, oft fünfzig Quadratmeter Rasen übrig.

Warum ist nichts darüber zu erfahren, welche Baulobbys das Land so kaputtbauen? Weil der Ökonomisierung des Bauens die Entpolitisierung des Baudiskurses gegenübersteht. Es gibt keine sichtbare Diskussion über die Frage, auf was für Plätzen wir uns treffen wollen, was unsere Städte und Häuser bieten sollen, und wer das verhindert. Wo über Architektur debattiert wird, geht es meistens um spektakuläre Einzelprojekte. Über die Vororte, die Stadtviertel wird viel zu wenig gestritten, und deswegen ist es auch kein Wunder, dass Nostalgie und Abschottung mittlerweile die beherrschenden Strategien sind, wenn es ums Wohnen geht.

Man müsste demonstrieren gehen

Das vergangene Jahrzehnt war von einer kollektiven Flucht in die Privatsphäre geprägt und hat eine Bewusstseinsindustrie hervorgebracht, deren Ideal der auf dem Sofa immobilisierte Bürger ist. Die Zeitschrift „Zuhause wohnen“ empfahl vor kurzem „Schöne Dinge, die von innen und außen wärmen“, die Zeitschrift „Wohnen - Träume“ stellte auf acht Seiten „dekorative Quasten“ vor, und das Romance-Sonderheft von „Wohnen und Dekorieren“ veröffentlichte die „besten Ideen für eine romantische Wohlfühlwelt“. Blätterte man eins der Hefte auf, sah man: satinweiche Kissen. Sumpfweiche Sofas. Superdicke Gardinen, hinter denen die trostlose Bauwelt draußen verschwindet, und mit ihr der Blick für die Gründe dieses Elends.

Man müsste demonstrieren gehen gegen die Massivhausbauer und die Vorortplaner und die Quastenheinis, und auch die Architekten sollten endlich mal auf die Straße gehen, damit man sieht, dass es sie noch gibt, die Architekten, die Straße.

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