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Trostlose Bauwelt : Architekten: Auf die Barrikaden!

Welche Idee von Gesellschaft und welche Prioritäten die Vermarkter des neuen Stadtviertels haben, illustriert nichts besser als die Website der Hafencity, auf der die neue Katharinenschule nicht als Ort humanistischer Bildung angepriesen wird, sondern als Kaderschmiede künftiger Wirtschaftsführer. „Die Schulkinder“, heißt es da, „genießen ihre Pause auf dem wohl höchsten Pausenhof der Stadt mit spektakulärem Panorama und lernen so eine wichtige unternehmerische Tugend: den Weitblick.“ Umso peinlicher, dass das Viertel alimentiert werden muss.

Lobbyarbeit der Ziegelindustrie

Die Misere der ökonomisierten Innenstädte setzt sich in der Vorstadt fort: Weil in der Stadt kein bezahlbarer Wohnraum für Familien zu finden ist, wandern die in den Siedlungsbrei am Stadtrand ab. Die Vorortsiedlungen wachsen rasant, und was dort entsteht, hat mit Häusern nur noch die grobe Grundform gemein: verputzte Billigstkisten mit Gucklöchern. Den Feuilletonisten und Architekten, die hier wütend mit der Faust fuchteln und den fehlenden ästhetischen Common Sense einer in Scheinindividualitäten atomisierten Gesellschaft beklagen, wird gern vorgeworfen, dass sie den Leuten ja nur ihren Geschmack aufs Auge drücken wollten. Aber wie will man jemandem, der apricotfarbenen Dämmputz und Plastiksprossenfenster wirklich schöner als Holzkastenfenster und Mauerwerk findet, verbieten, so zu bauen?

Der Skandal liegt woanders - darin nämlich, dass die Lobbys des Schlüsselfertigen jede Wahlmöglichkeit und damit auch die Freiheit des Bauherrn zerstört haben. Kaum einer, der auf der grünen Wiese eine dieser deprimierenden Billigkisten errichtet, wird sagen; ich finde die Villa Malcontenta überkandidelt und hässlich, ich habe mich bewusst für diese Plastikfenster und diese pseudoeleganten FSB-Türklinken entschieden. Die Wahrheit der Vorstadtmisere ist, dass niemand, der einen Beruf und Kinder hat, die Zeit und die Nerven hat, seinem Massivhausbauer zu widersprechen und selbst einen Tischler zu suchen, der ihm ein Gegenangebot zu den vorgesehenen Plastikfenstern macht. Er weiß nicht, wo er die schönen Formen, die er anderswo sah, herbekommen soll. Der Lieferant der schlüsselfertigen Kiste wird es ihm nicht sagen - eine Bauindustrie, die an diesen in Rekordzeit hochgezogenen Kisten sehr gut verdient, hat überhaupt kein Interesse daran, Alternativen zu zeigen. Es ist falsch, den angeblich fehlenden Geschmack der Vorstadtbewohner zu beklagen; die Wahrheit ist, dass ihnen von Baulobbys alle Handlungsalternativen genommen wurden. Ein Ingenieur, dessen Massivhaus-Baufirma im Jahr sechzig Einfamilienhäuser auf die Wiese knallt, bekommt vom Putzer Provision, vom Plastikfensterhersteller Sonderpreise; will der Bauherr etwas anderes, macht das dem Ingenieur nicht nur mehr Arbeit, sondern schmälert auch seinen Gewinn. Daraus folgt, dass Tischlereien, die Fenster bauen, und andere traditionelle Gewerke vom Markt gedrängt werden; die ökonomische Verödung, die die Innenstädte zu Wüsten macht, findet ihr Pendant vor der Stadt in den mit Baumarktlametta und Rallyestreifen individualisierten Serienbauten, deren Aussehen die pressure groups der Bauindustrie bestimmen. Warum setzt sich im Einfamilienhausbau keine eigene, ansehnliche Form von Solardach durch; warum baut man Häuser wie vor 500 Jahren, um ihnen dann eine Photovoltaikanlage wie einen ramponierten Heckspoiler auf das Ziegeldach zu schrauben? Vielleicht auch, weil ein Breitenerfolg von überzeugenden Solardächern, die ohne Ziegel auskämen, den Rückgang der Pressdachziegel von 881 Millionen im Jahr 2001 auf 631 Millionen im Jahr 2009 noch beschleunigen würde - daher die Lobbyarbeit der Ziegelindustrie für die Solarwolpertinger.

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