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: Triumph der alten Dame

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Sie betritt die Bühne von links, in einem langen, kuttenhaft fallenden schwarzen Hosenkleid mit gelbem Seidenschal, in der linken Hand eine Krücke. Bevor sie ihr Manuskript aufschlägt, entschuldigt sie sich bei den Leuten, die hinter ...

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          Sie betritt die Bühne von links, in einem langen, kuttenhaft fallenden schwarzen Hosenkleid mit gelbem Seidenschal, in der linken Hand eine Krücke. Bevor sie ihr Manuskript aufschlägt, entschuldigt sie sich bei den Leuten, die hinter ihr sitzen - die Akademie der Künste, vom Andrang überwältigt, hat neben dem Zuschauersaal ihr rückwärtiges Kabinett für Besucher geöffnet - und ihr Gesicht nur auf einer Leinwand sehen können. Ob das Mikrofon so richtig eingestellt sei, fragt sie ins Publikum, als wäre es ihre Pflicht, für die optimale Akustik zu sorgen. Dann, mit gedämpfter und doch durchdringender, klarer und fließender Stimme, beginnt sie zu lesen.

          Christa Wolf ist aus Kalifornien in die Akademie der Künste am Tiergarten zurückgekehrt, mit einem siebzehnjährigen Umweg durch Berlin. Sie liest von Tagen und Abenden, die sie im Herbst 1992 und im Frühjahr 1993 in Santa Monica verbracht hat, von Menschen, die sie getroffen, und Drinks, die sie getrunken hat vor der Kulisse des Pazifiks, vor der sich die Getty-Stipendiaten fast täglich versammelten zum gemeinsamen Betrachten des Sonnenuntergangs. Und je länger sie liest, desto klarer kann man erkennen, dass auch Los Angeles, seine Freeways, Avenues und Canyons, seine deutsch-jüdischen Emigranten und ihre Geschichten, denen die Erzählerin mit wechselnder Aufmerksamkeit lauscht, nur Kulisse sind für ein Drama, das seit Jahrzehnten in allen Texten von Christa Wolf aufgeführt wird und das von der großen und unglücklichen Liebe der Dichterin zu ihrem Heimatland handelt, der untergegangenen DDR.

          Damals, 1992, war dessen Leichnam noch warm. Und auch die persönliche Kränkung war noch frisch - die Dichterin sah sich als Opfer einer Hetzkampagne, als sie wegen einer dreißig Jahre alten IM-Akte in den deutschen Medien scharf angegriffen wurde. Das alles musste sich erst setzen, bevor es zu einer Geschichte werden konnte, einem Gewebe, wie es Christa Wolf nennt, in das sie sich hüllen, in dem sie sich entbergen kann. Zwei Namen trägt ihr Buch: "Stadt der Engel", einerseits, aber auch "The Overcoat of Dr. Freud". In Doktor Freuds Erinnerungsmantel überfliegt sie die Landschaften ihres Lebens. Während sie vorliest, hält sie manchmal inne, als hätte sie dort unten gerade erst etwas entdeckt, als müsste sie jetzt tiefer gehen, vielleicht sich fallen lassen, um die Botschaft der Städte, Schluchten und Meere zu entziffern. Dann gibt sie sich einen Ruck, und die Sätze, gleichmäßig, glatt und präzise, fließen weiter.

          Anschließend Fragestunde. Ingo Schulze, der auch ohne Schulranzen neben Christa Wolf wie ein Abiturient wirkt, gibt Stichworte. Warum das Buch keine Namen nenne in den Passagen über den Presseskandal um IM "Margarete", will Schulze wissen: "Wolltest du deine Feinde schonen?" - "Du meinst jetzt die ganze Stasi-Kiste?" - "Ja." Nein, sagt die Dichterin, sie verschweige die Namen, damit die Figuren "Exempel" blieben, geschichtliche Symbole. So wie sie selbst. (Das sagt sie nicht.) Und wieder Schulze: "Ist das Buch dein ,Lebensmuster'?" Und Wolf: "Also ich sterbe bald, oder was?" Nervöse Heiterkeit im Publikum. Nun, sie glaube nicht, erklärt die Dichterin nach einer Pause, dass sie noch einmal so ein dickes Buch schreiben werde. Also doch ein Schlussstück, Endspiel, wiedergefundene Zeit. Eine Bilanz, kein Abgesang.

          Am Ende erheben sich die Zuhörer, deren Altersdurchschnitt ungefähr dem der Akademiemitglieder entspricht, für die Dichterin von ihren Sitzen. Sie aber hält die Ovation nicht aus, greift nach ihrem Stock und verlässt mit vorsichtigen Schritten die Bühne. So wollte sie immer beides haben, das Licht der Geschichte und ihre ganz private Ruhe. Ihre amerikanischen Freunde würden sich wundern, wie viel sie in dem Buch erfunden habe, hat sie an diesem Abend erklärt. Ihre deutschen Freunde wissen, dass das Wichtigste stimmt. ANDREAS KILB

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