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Trevor-Roper und die Hitler-Tagebücher : Jedes rationale Argument sprach gegen die Echtheit

Zu diesem Ekel trug auch die Unterstellung Nannens bei, der britische Hitler-Lord spreche „kaum ein Wort Deutsch“. Als Trevor-Roper davon erfuhr, verfasste er eine geistreiche Widerlegung - auf Deutsch. Die Bemerkung sei nicht ganz genau, schrieb Trevor-Roper an Nannen, „ich kann zwei oder drei Wörter äußern“. Adolf Hitler sei „schreibfaul“ gewesen, fuhr er fort, „konnte aber schreiben - und Sie waren selbst überzeugt, dass er 62 Tagebücher geschrieben hatte. Ich bin, in Deutschland, sprachfaul.“ In differenzierten Diskussionen ziehe er es „der Akribie wegen“ vor, seine Muttersprache zu verwenden. Trevor-Roper schloss seine spitze Replik mit der Hoffnung, dass sie beide jetzt „in peinvoller Weise“ gelernt hätten, nicht zu rasch zu urteilen.

Die Rolle des Zufalls

Nannen bekannte in seiner Antwort, überrascht zu sein. Die Behauptung über Trevor-Ropers fehlende Deutschkenntnisse sei ihm aus Zürich berichtet worden und habe so unwidersprochen im Raum gestanden, „dass ich gar nicht auf den Gedanken gekommen bin, ich könnte mich da irren“. Er entschuldigte sich bei dem Historiker dafür, dass die Tagebücher diesem so viel Ungemach bereitet hätten; „meine journalistische Karriere (wenn man bei einem Siebzigjährigen noch von Karriere reden kann) haben sie zerstört“.

Bei der Betrachtung des Materials von Trevor-Roper drängt sich die Beobachtung auf, dass dieser zwar in seiner Eigenschaft als Historiker eingespannt wurde, die Sache jedoch mit dem detektivischen Blick eines Geheimdienstagenten anging. Er gab Form und Provenienz den Vorrang gegenüber dem Inhalt, den er überdies gar nicht hinreichend prüfen konnte. Erstaunlich ist auch, dass gerade die Argumente, von denen man meinen würde, sie sprächen am stärksten gegen die Echtheit, nämlich der Umfang der Tagebücher und die Banalität ihrer Eintragungen, Trevor-Roper anfangs gerade überzeugten, weil er keinen Sinn darin sah, so viele Dokumente zu fälschen, wo doch wenige gereicht hätten, und weil er es für undenkbar hielt, derart geistlose Notizen zu erfinden.

Am meisten bedauerte Trevor-Roper, eingewilligt zu haben, als der „Stern“ in Zürich plötzlich von ihm verlangte, mit niemandem außer seinen „Auftraggebern“ zu reden. Er hatte, wie er dem Historiker Eberhard Jäckel später erzählte, dessen Telefonnummer mitgenommen, um sich mit ihm beraten zu können, ohne zu wissen, dass dieser eigene leidvolle Erfahrungen mit gefälschten Dokumenten aus derselben Quelle gemacht hatte. Jäckel wiederum bedauerte, bei einem gemeinsamen Abendessen im Januar 1983 nichts von dieser früheren Fälschung erwähnt zu haben. „Sie wären gewarnt gewesen. Für Historiker ein Beispiel von der Rolle des Zufalls.“

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