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Trevor-Roper und die Hitler-Tagebücher : Jedes rationale Argument sprach gegen die Echtheit

Trevor-Roper schreibt weiter, dass er sich frage, wie der „Stern“ dazu gekommen sei, „das Zeug zu kaufen und an die Echtheit zu glauben (wenn er tatsächlich daran geglaubt hat)“. Wie Peter Koch, der damalige Chefredakteur des Magazins, ihm versichern konnte, dass das Material gründlich geprüft worden sei, wo doch das Bundesarchiv schon nach zwei Tagen eine Fälschung festgestellt habe. Und wie der „Stern“, der Gerd Heidemann, den Beschaffer der Tagebücher, seit dreißig Jahren beschäftigt habe, jetzt sagen könne, der Journalist sei „entweder ein Tor oder ein Betrüger“, wo er, Trevor-Roper, nach bloß acht Stunden mit ihm überzeugt gewesen sei, dass Heidemann nicht vertrauenswürdig war. „Wie konnten sie die Sache so amateurhaft handhaben?“

Umgeschriebene Geschichte

Später vertraute Trevor-Roper einem Korrespondenzpartner an, er habe nach seinem eigenen Eingeständnis damit gerechnet, dass nun auch andere ihre Fehler eingestehen würden. Stattdessen habe man ihn zum Sündenbock gemacht. Das belegt auch ein siebenseitiger Brief des „Stern“-Herausgebers Henri Nannen, der zwar das Datum „1. Mai 1983“ trägt, aber, wie der Empfänger in seiner Antwort feststellt, wohl mit „1. Juni“ hätte datiert sein sollen. Obwohl das Schreiben eine Entschuldigung gegenüber Trevor-Roper sein sollte, warf Nannen dem Historiker vor, dass dessen „positive Meinung“ zu den Tagebüchern „ganz wesentlich“ dazu beigetragen habe, dass die Chefredakteure sich „sicherer gefühlt“ hätten.

Als Trevor-Roper im Jahr darauf den damals von Nannen unterdrückten Untersuchungsbericht des früheren Hamburger Justizsenators Ulrich Klug erhielt, stellte der Historiker fest, ihm sei bislang nicht klar gewesen, „wie schlecht sich Nannen und Koch verhalten haben“. Im Untersuchungsbericht ist nachzulesen, wie die beiden versuchten, „das für den ,Stern’ peinliche Zitat von der Notwendigkeit des ,Umschreibens der Geschichte’“ Trevor-Roper in den Mund zu legen: Als Nannen bei Peter Koch am 13. April den geplanten Vorspann zur Fundgeschichte der Tagebücher gelesen habe „und dabei Anstoß an dieser vollmundigen Floskel nahm, griff Koch zu der von ihm öfters geübten Ausflucht, erst einmal etwas zu behaupten und dann im Nachhinein die Bestätigung dafür zu suchen: Er schrieb den Satz als Zitat Trevor-Roper zu. Hinterher ließ er Peter Wickman (den Leiter des Londoner Büros des ,Stern’) dann am selben Tag telefonisch den Auftrag übermitteln, Trevor-Ropers Zustimmung dafür einzuholen, ihn als Autor folgender Feststellungen bezeichnen zu dürfen: Der Fund der Tagebücher sei das bedeutendste historische Ereignis der letzten zehn Jahre; er sei ein Knüller wie Watergate; er mache es nötig, die Geschichte des Dritten Reiches teilweise umzuschreiben.“

Peinvolle Lehre

Aus der umfangreichen Korrespondenz im Oxforder Archiv geht hervor, dass Trevor-Roper sich widerwillig breitschlagen ließ, sich den Satz zuschreiben zu lassen, er halte den Fund für das bedeutendste zeitgeschichtliche Ereignis des letzten Jahrzehnts und einen journalistischen Scoop wie Watergate. Später behauptete Nannen in einem Rechtfertigungsschreiben gegenüber dem Institut für Zeitgeschichte, der Satz vom Umschreiben der Geschichte stamme von Trevor-Roper. Dieser Befund und die Unterstellung seitens Nannens, er habe versucht, ein Geschäft mit Heidemann abzuschließen, und seine öffentlichen Äußerungen verändert, als der Reporter „meinen korrupten Vorschlag nobel zurückwies“, hätten seine Abscheu verstärkt, bekennt Trevor-Roper im Dezember 1984. Er müsse gestehen, dass es weniger die ihm zugeschriebene „chevalereske Großzügigkeit“ gewesen sei, die ihn veranlasst habe, eine „ohnedies unaufrichtige“ Entschuldigung von Nannen anzunehmen, als der reine Ekel und der Wunsch, das Ganze hinter sich zu lassen.

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