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Trevor-Roper und die Hitler-Tagebücher : Jedes rationale Argument sprach gegen die Echtheit

Im Beitrag für die „Times“ vom 14. Mai 1983, in dem Trevor-Roper seinen Widerruf erklärte, schrieb er, sein Fehlurteil habe vor allem auf der Versicherung des „Stern“ beruht, die Handschrift sei von drei unabhängigen Sachverständigen beglaubigt, das Papier geprüft und die Herkunft nachgewiesen worden. Der Wehrmachtsoffizier, der das Material 1945 aus dem Flugzeugwrack geborgen haben sollte, so habe man ihm gesagt, wolle zwar seine Anonymität gewahrt sehen, sei dem „Stern“ jedoch bekannt. „Unter den Umständen glaubte ich“, schrieb Trevor-Roper, „diese Zusicherungen annehmen zu können.“ Er bekannte aber auch in dem Artikel: „Ob irregeführt oder nicht, gebe ich niemandem außer mir selbst die Schuld daran, die ,Times’ und die ,Sunday Times’ falsch beraten zu haben.“

Schwer zugesetzt

Öffentlich ist der Historiker von dieser Position nie abgerückt, obwohl der Spott, dem er ausgesetzt war, und die verzerrten Darstellungen anderer ihm gute Gründe gegeben hätten, es anders zu halten. Sein Irrtum hing ihm bis zu seinem Tod im Jahr 2003 nach. Eine Lady Dacre ließ ihm durch einen Anwalt mitteilen, dass die bedauerliche Verwechslung zwischen ihrer und seiner Baronswürde sie und ihre Familie in Verlegenheit gebracht habe, und bat sich aus, dass Trevor-Roper bei Medienauftritten stets klarstellen möge, wie sein voller Titel laute, damit ihr weitere Sorge erspart bleibe. Ein anderer Namensvetter bezichtigte den Historiker auf einer Postkarte mit dem Porträt des geköpften Königs Karl I., Schande über den Dacre-Titel zu bringen, und ein Historiker in Cambridge, wo Trevor-Roper damals Rektor des Peterhouse-Colleges war, schrieb ihm: „Wenn Sie sich selbst lächerlich machen wollen, ist das Ihre Sache. Es ist Ihnen jedoch gelungen, das Ansehen von Historikern als professionelle Menschen zu beeinträchtigen, und als Historiker protestiere ich inständig.“

Seite aus einem der Hitler-Tagebücher in einer vom "Stern" am 25. April 1983 veröffentlichten Reproduktion

Dennoch sah Trevor-Roper von öffentlichen Stellungnahmen ab. Aus Notizen, Tagebuchaufzeichnungen und Briefen, die zusammen mit Zeitungsausschnitten und dem Heft des „Stern“ vom 28. April 1983, dessen Umfang von mehr als dreihundert Seiten heute verblüfft, im persönlichen Archiv Trevor-Ropers im Christ-Church-College von Oxford verwahrt werden, geht nicht nur hervor, wie sehr ihm die Affäre zugesetzt hat. Das Material, darunter ein winziges Notizbuch, in dem Trevor-Roper während des Flugs nach Zürich lauter Fragen an die „Stern“-Mannschaft auf Deutsch formuliert hatte - was die Mär widerlegt, der Historiker sei der deutschen Sprache nicht mächtig gewesen -, gibt Aufschluss über sein Handeln und macht das Vorgehen des „Stern“, aber auch das der „Times“ noch unfassbarer.

Psychologischer Leim

In einem Brief vom 30. Mai 1983 schrieb Trevor-Roper über die Hitler-Tagebücher: „Jedes rationale Argument sprach gegen die Echtheit, und ich glaubte niemals, dass sie echt sein könnten, aber dann wurde ich durch einen seltsamen psychologischen Zwang bekehrt!“ Er lege diesem Schreiben seinen Artikel aus der “Times“ vom 14. Mai bei, der den „rationalen Prozess“ dieser Bekehrung erkläre, doch sei auch etwas Irrationales im Spiel gewesen, das er im Nachhinein nicht mehr begreifen könne. Seltsamerweise, so teilte Trevor-Roper in dem Brief weiter mit, scheine es dem Historiker Gerhard Weinberg, der von der amerikanischen Zeitschrift „Newsweek“ den gleichen Auftrag hatte wie Trevor-Roper für die „Times“, ähnlich gegangen zu sein, „was mir das Gefühl gibt, dass es sich um etwas Psychologisches handelt, aber mir ist es immer noch etwas rätselhaft. Es ist, als hätten die Dokumente selbst einen psychologischen Leim verströmt, der meine schwebenden Gedanken in ein festes Muster bannte.“ Die Zeit und die Besinnung hätten sie allmählich zwar wieder gelöst, aber bis dahin war es - wegen der einseitigen Entscheidung des „Stern“, das Erscheinungsdatum vorzuziehen - schon zu spät.

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