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Markus Rehms Prothese : Ein Treppenwitz der deutschen Inklusionsgeschichte

Eschatologischer Marker: Rehms Prothese Bild: imago/Chai v.d. Laage

Markus Rehm darf nicht zur Europameisterschaft. Dennoch ist der behinderte Weitspringer für manche ein Verweis auf die Zukunft. Denn in ein paar Jahren werden wir nach ihrer Prognose ohnehin alle Prothesenträger sein.

          5 Min.

          Es ist alles schon durchdacht. Von den Transhumanisten. Für sie ist die Causa Rehm ein Zeichen des Kommenden, ein eschatologischer Marker. Für die transhumanistische Bewegung, die sich der Erweiterung menschlicher Möglichkeiten durch den Körpereinsatz von Technologie verschrieben hat, ist Markus Rehm aus der Zukunft gefallen. Mittenhinein ins Hick-Hack der Gremienkämpfe um die Inklusion im Spitzensport. Der Weitspringer Rehm ist Opfer dieser Kämpfe geworden. Er wird für die Europameisterschaften wegen der mit ihm verschalteten Karbonprothese nicht nominiert werden. Weil er ein paar Zentimeter zu weit und ein paar Jahre zu früh gesprungen ist.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn in ein paar Jahren, so die Naherwartung der transhumanistischen Philosophie, wird die Inklusion das herrschende Gesellschaftsmodell sein. Einfach deshalb, weil es immer weniger Unterschiede zwischen den Menschen geben wird, wenn nämlich das, was heute noch der menschliche Faktor heißt, bald schon Auge um Auge, Ohr um Ohr, Bein um Bein und Hirn um Hirn durch den technologischen Faktor ersetzt sein wird. Das heißt: mit einem Korn Salz werden wir, auf die eine oder andere Weise, später alle einmal wie Rehm herumlaufen. Ob nun mit einem Implantat im Ohr, einem Chip im Gehirn, einer Prothese in den Gliedmaßen – alle diese technischen Stützvorrichtungen, jetzt noch im klinischen Feld getestet, werden künftig zu den üblichen Lebenshilfen zählen wie Brillen. Und sie werden die Unterschiede zwischen den Menschen zu einer vernachlässigbaren Größe machen.

          „Organismen werden gemacht“

          Oder sagen wir es so: Die Unterschiede, die vor der EU-Richtlinienüberformung Deutschlands im Ausweis noch als „unveränderliche Merkmale“ firmierten – neben Leberfleck, Narbe und Augenfarbe assoziierten wir Geschlecht, Begabung, Behinderung –, alle diese Unterschiede werden in einer transhumanen, inklusiven Zukunft ihren ontologischen Status eingebüßt haben und als abhängige Variable von technischem Erfindungsgeist verflüssigt sein.

          Inklusionisten wie ihre intellektuelle Speerspitze, die Transhumanisten, sind also ohne Geschichtsphilosophie, ohne eine Vorstellung vom Telos des Weltenlaufs nicht zu denken. Ist zivilisationsgeschichtlich das Telos erst einmal erreicht, wird es weder Behinderte noch Nichtbehinderte geben, weder Begabte noch Unbegabte, weder Männer noch Frauen, weder Paralympics noch Olympia. Dann werden alle diese Begriffe das sein, was sie in inklusiver Sicht schon heute nur sind: Begriffe, ohne Erklärungswert für die Wirklichkeit.

          In diesem Sinne hält die transhumanistische Philosophin Donna Haraway in ihrem programmatischen Aufsatz „Die Biopolitik postmoderner Körper“ fest: „Man wird nicht als Organismus geboren, Organismen werden gemacht; sie sind weltverändernde Konstrukte.“ Kein Objekt, Raum oder Körper stehe mehr für sich: „Jede beliebige Komponente kann mit jeder anderen verschaltet werden, wenn eine passende Norm oder ein passender Kode konstruiert werden können, um Signale in einer gemeinsamen Sprache auszutauschen. Vor allem besteht kein Grund für eine ontologische Entgegensetzung des Organischen, des Technischen und des Textuellen.“

          Die egalitäre Superformel lässt sich nicht aus Messungen ableiten

          Markus Rehm nimmt in dieser entdifferenzierten Zukunftsschau die Zeitstelle des Antichristen ein, jener Figur, deren öffentliches Erscheinen die Schwelle zum inklusiven Endzustand markiert. In diesem Sinne erklärt Verena Bentele, die Inklusionsbeauftragte der Bundesregierung, den Fall Rehm zum Testfall der Inklusion schlechthin: „Meinem Erachten nach ist die Entscheidung sehr schade“, sagte Bentele kurz nach Bekanntgabe der Entscheidung des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV), Rehm nicht zur EM zuzulassen. „Ich hätte es gut gefunden, wenn der DLV ein Statement abgegeben und die Inklusion ernsthaft vorangetrieben hätte.

          Es wäre konsequent gewesen und eine politische Entscheidung.“ Dass es, kurz gesagt, dem DLV am Ende nicht länger um Politik ging, sondern um fair play, ist für Bentele der Stein des Anstoßes. Grundlage für den ablehnenden Bescheid waren biomechanische Messungen der Meistersprünge, deren Auswertung auf einen Wettbewerbsvorteil für Rehm durch die Prothese schließen ließ. Eben das geht in den Augen der Inklusionsbeauftragten nicht an: ein ideelles, politisch zu betreibendes Projekt an etwas so Materiellem wie Messungen von Leistungsmechanik scheitern zu lassen.

          „Die Messungen finde ich nicht sehr aussagekräftig.“ Sie seien „unzureichend“, wohl nicht im Sinne eines allzu groben Messungsrasters – denn das würde ja bedeuten, die Biomechaniker mögen mehr und besser messen. Gemeint ist eher das Gegenteil: dass Biomechaniker auf dem Felde der Inklusion nichts zu suchen haben. Weil es dort heißt: dabei sein ist alles. Diese egalitäre Superformel ist wiederum keine, die sich aus Messungen, aus der empirischen Vergleichbarkeit ableiten lässt. Sie muss im Gegenteil kontrafaktisch, der Empirie nachgerade zuwiderlaufend durchgesetzt werden, eben als politische Forderung, den Leistungsbegriff den Regeln des fair play zu entziehen und ihn als good-will-Metapher neu aufzustellen.

          „Es ist nicht der gleiche Weitsprung“

          In der Regel sind es die Behinderten, die bei diesem Ansatz zu kurz kommen. Sie geraten unter einen Normalitätsdruck, der „die interne Perspektive versehrter Existenz“ nicht zur Entfaltung kommen lässt, wie der verstorbene, selbst behinderte Sozialphilosoph Andreas Kuhlmann in seinem Buch „An den Grenzen unserer Lebensform“ schreibt. Die Verkennung des Selbstverhältnisses von Behinderten zeige sich immer dann, wenn im inklusiven Raster Behinderung unsichtbar gemacht werden soll, etwa indem man Behinderung als soziales Konstrukt oder kulturelles Artefakt abtun will.

          Behinderte, so Kuhlmann, würden ja nicht nur darunter leiden, dass ihr Leben vielfach „als minderwertig abqualifiziert wird. Sie leiden in vielen Fällen auch darunter, dass ihre Mitmenschen sich von den Schwierigkeiten, mit denen sie es zu tun haben, kein angemessenes Bild machen können und vielleicht auch nicht wollen. Es mag ja komfortabel sein zu deklarieren, dass eben jeder Mensch irgendwie unvollkommen ist, und das sei auch gut so.“ Doch dann erübrige es sich natürlich, sich in besonderer Weise, gegebenenfalls mit spezieller professioneller Kompetenz, um das Verständnis von Personen zu kümmern, die „vielleicht in gravierender Weise mit einer hinderlichen Physis zu tun haben“.

          Dass nun ausgerechnet einem Sprunggiganten wie Markus Rehm die Inklusion verweigert wird, ist in der Tat ein Treppenwitz der deutschen Inklusionsgeschichte. Denn auf ihn treffen die Kuhlmannschen Einwände ja gerade nicht zu. Rehms Physis ist zwar behindert, aber die Hinderlichkeit seines prothesengestützten Beins gereicht ihm zu einem Katapulteffekt im Wettbewerb, den weitere, feiner ins biomechanische Detail gehende Messungen nur bestätigen dürften.

          Derweil die nichtbehinderte Physis der anderen Wettkampfteilnehmer ihnen selbst plötzlich hinderlich erscheinen mag. Insoweit kehrt sich das inklusive Programm der Dekategorisierung hier geradewegs um: Die in der Lebenswelt nach wie vor trennscharfen Kategorien des Hergestellten und des von Natur aus Gewordenen entdifferenzieren sich. Der technologisch unbeeinflusste Organismus tritt nun als soziales Konstrukt und kulturelles Artefakt auf. Zugleich gibt das prothetisch Gemachte den natürlichen Maßstab ab, nach dem die Wettbewerbsregeln neu auszurichten sind.

          Gegebenenfalls mithilfe eines inklusiven Schlüssels zum Abgleich von Bonus- und Maluspunkten, der den Leistungsvergleich dann wiederum auf einer derart hohen Abstraktionsebene ansiedeln würde, dass er im Grunde nur die Unvergleichbarkeit illustrieren würde. Oder, um es mit dem Resümee des DLV-Cheftrainers Idress Gonschinska zu sagen: „Die mechanischen Bedingungen von einem Feder- und einem Muskel-Knochensystem sind unterschiedlich. Es ist nicht der gleiche Weitsprung.“

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