https://www.faz.net/-gqz-8cvm0
Edo Reents (edo.)

Trendfarbe : Rot

  • -Aktualisiert am

Dance the blues: Rote Schuhe in der Auslage des römischen Klerikerbedarfsfachhandels Gammarelli hinter dem Pantheon. Bild: dpa

Der Papst trug rote Schuhe, jetzt aber nicht mehr. David Bowie trug nie rote Schuhe, obwohl er von ihnen sang. Versuch einer kulturhistorischen Einordnung des wichtigsten Schuhtrends 2016.

          2 Min.

          Jetzt tragen die Leute schon rote Schuhe. Noch nicht alle, aber es werden täglich mehr, es sind sogar Männer darunter, erst gestern wurde am Frankfurter Hauptbahnhof wieder einer gesichtet. Früher gab es so etwas in freier Wildbahn nicht, man musste schon Papst-Sendungen einschalten oder David Bowie hören: „Put on your red shoes and dance the blues.“ Nebenbei: Wie man zum Blues tanzen soll, und das auch noch in roten Schuhen, hat dieser spektakuläre Sänger nie erklärt. Jetzt ist es natürlich zu spät dafür; er hat dieses Geheimnis, das sicherlich nicht zu den größten seines Lebens gehörte, mitgenommen in die Ewigkeit, wo es vermutlich am besten aufgehoben ist. Die Aufforderung, zum Blues-Tanz in rote Schuhe zu schlüpfen, sang er damals wahrscheinlich bloß deshalb, weil es sich so bequem reimte, so wie bei uns „Kuss/Schluss“, „Herz/Schmerz“. Die meisten Hörer werden seinerzeit angenommen haben, dass damit nur eine Frau gemeint sein könnte. Selbst ein farbenprächtiger Pop-Paradiesvogel, wie Bowie zweifellos einer war, hielt es für vernünftiger, eine unauffälligere Farbe fürs Schuhwerk zu wählen.

          „Mein Schuh tut gut!“

          Wenn das, wie so vieles, heute anders ist, dann muss das niemanden beunruhigen. Moden kommen und gehen, sonst wären es keine; das Gleiche gilt für Marotten, zu denen wir rote Schuhe vorderhand noch zählen wollen – bis es auch uns erwischt und wir in roten Schuhen den Blues haben oder sogar tanzen. Das kann schneller gehen, als wir alle denken. Schon melden Schuh-Fabrikanten einen „Trend für 2016“ und nehmen dem Phänomen damit das persönlich Exzentrische, ja recht eigentlich Unzurechnungsfähige und nähern es sacht dem Konformismus an.

          Bis es so weit ist, behalten wir das Phänomen im Auge. Zurück zum Papst: Dass der vorige rote Schuhe trug, erschien bis zuletzt irgendwie unpassend; die sinnlich-grellen Schuhe, die aus feinem Leder waren und eine Pilgerreise wohl kaum überstanden hätten, wirkten fast wie Lippenstift, nur eben nicht am rechten Fleck. Als wäre ihm dies zumindest im Nachhinein zu Bewusstsein gekommen, hat Benedikt sie vergangenes Jahr für einen guten Zweck gespendet. Die Aktion stand unter dem Motto „Mein Schuh tut gut!“. Überflüssig zu erwähnen, dass sie von Köln aus ihren Ausgang nahm.

          Auch Normalsterbliche waren dazu aufgerufen, ihre Schuhe, die nicht unbedingt rot sein mussten, zu spenden. Hygiene spielte offenbar keine Rolle, es war von „Nachhaltigkeit“ die Rede. Der neue Papst bevorzugt, nicht zuletzt aus theologischen Gründen, dunkle ausgebeulte Treter. Insider kennen auch den Grund dafür: weil er sich nicht in den Mittelpunkt stellen möchte! Das unterscheidet ihn von David Bowie. Wenn nun aber immer mehr Normale rote Schuhe tragen, der Papst dagegen lieber normale; wenn andererseits Päpste heutzutage doch Popstars sind, „wir“ hingegen alle Papst – was bedeutet das dann? Es ist eine einzige, zunehmende Konfusion.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schwieriges Terrain für die grüne Parteichefin: Annalena Baerbock am Freitag im Stahlwerk von ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt

          Besuch im Stahlwerk : Baerbocks Auswärtsspiel

          Ausgerechnet in einem Stahlwerk in Eisenhüttenstadt präsentiert die Kanzlerkandidatin der Grünen ihre Pläne für eine klimafreundliche Wirtschaftpolitik. Wie kommt das an?
          Die frühere AfD-Vorsitzende Frauke Petry stellt am 18. Juni ihr neues Buch vor.

          Neues Buch : Frauke Petry rechnet mit der AfD ab

          Die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry meint, dass ihre frühere Partei einen langsamen Tod sterben werde. Gegen Jörg Meuthen und Alice Weidel erhebt sie in ihrem Buch „Requiem für die AfD“ schwere Vorwürfe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.