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Glosse zum Winter : Der Barfußschuh

  • -Aktualisiert am

Dieses verspielt-naturkindhafte: Sommerbarfüßerin in feiner Gesellschaft. Bild: Picture-Alliance

Der Winterbarfüßler stirbt aus. Ersetzt wird er durch halbkonsequente Kreaturen mit Barfußschuhen und Sneakersockenträgern.

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          Früher sah man sie auch im Winter noch gelegentlich, heute fast gar nicht mehr: diese Barfußläufer. Sonderbare Typen sind das, denen man mit einer Mischung aus Bewunderung und Ärger begegnet. Sosehr sie mit ihrer Kälteunempfindlichkeit und wohl auch insgesamten Abhärtung Respekt einflößen, so sehr fallen sie einem auch auf die Nerven, wie jeder eben, der nach der Maxime „Hauptsache, auffallen“ verfährt.

          Oder handelt es sich tatsächlich um Überzeugungstäter? Ein gewisser weltanschaulicher Einschlag ist wohl dabei, zumal im Winter, wenn es ja erst so richtig darauf ankommt, die dahintersteckende Überzeugung zu „leben“, solange man eben nicht erfriert oder sich wenigstens eine Lungenentzündung holt. Im Sommer barfuß zu gehen ist schließlich keine Kunst (man höre dazu den Schlager „Barfuß durch den Sommer“ von Jürgen Drews, seines Zeichens König von Mallorca). Erst der Winterbarfüßler beglaubigt seine Überzeugung, die wohl am einfachsten auf den Nenner des Zivilisationskritischen zu bringen ist, durch die Tat und überführt das Harmlos-Naturkindhafte, nicht weiter Auffällige und noch ganz und gar unfanatisch Daherkommende, das dem Sommerbarfüßler anhaftet, ins Irritierende, ja, Verstörende.

          Was wollen uns diese nackten Fesseln sagen?

          Etwas Verbissenes geht von diesen zweifellos tapferen Menschen aus, die so aufs Unbedingte aus zu sein scheinen und sich dabei einer gewissen Halbherzigkeit, die ihrem Treiben innewohnt, kaum bewusst sein dürften: Wäre es ihnen nämlich wirklich ernst mit ihrer Zivilisationskritik, müssten sie ja nackt oder so gut wie nackt herumlaufen. Das tun sie aber nicht, sie laufen bloß ohne Schuhe und Socken. Auf der von einer gewissen Eva und einem gewissen Wolfgang „aus dem Allgäu“ betriebenen Homepage barfussblog.de, auf der sich das Gedränge naturgemäß in Grenzen hält (sich die User nicht gegenseitig auf die bloßen Füße treten, könnte man müde witzeln), geht hervor, dass das Barfußlaufen, wie fast alles im Leben, eine Wissenschaft für sich ist, in der man sich nicht scheut, auch heiße Eisen wie Minimalschuhe anzupacken, die von der Industrie irreführend als „Barfußschuhe“ angepriesen werden und einen eher socken- als tatsächlich schuhhaften Eindruck hinterlassen.

          Mancher sieht mit solchen Kompromissprodukten das Ansehen der Barfüßler empfindlich beschädigt. Von einem schöneren hölzernen Eisen als dem Barfußschuh hat man jedenfalls lange nicht gehört. Und wie noch jede Minderheit, so kämpfen vor allem die Winterbarfüßler um ihren Bestand, letztlich, nicht anders als wir Beschuhten, ums Überleben. Ohne Schuhe geht zu dieser Jahreszeit praktisch niemand mehr aus dem Haus, Barfußschuhe sind das mindeste. Was man aber mehr und mehr zu sehen bekommt, das sind Menschen mit Socken, die weit unterhalb des Knöchels enden (sogenannten Füßlingen oder Sneakersocken). Auch ihr Anblick macht stutzig: Was wollen uns diese Leute mit ihren nackten Fesseln, die da so aufreizend unterm Hosenbein hervorlugen, bloß sagen? Wir wissen es nicht.

          Was wir aber wissen, das ist, dass es Fuß- und Knöchelfetischisten gibt, die anderen zwanghaft auf diese Extremität starren und nicht davor zurückschrecken, sie auch anzufassen. In einer westfälischen Universitätsstadt trieb vor dreißig Jahren so jemand sein Unwesen, nutzte in städtischen Bussen die in Kurvenlagen entstehende allgemeine Unordnung dazu, um vorzugsweise Frauen blitzschnell an die Fessel zu greifen, und gab sich in Schuhgeschäften als Verkäufer aus, um dem Opferkontakt einen normalen Anstrich zu geben, bis er aufflog und das nächste Geschäft aufsuchen musste. Sollte man nicht darauf verzichten, solche Menschen mit Füßlingen unnötig in Versuchung zu bringen?

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

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