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Treffen mit Snowden : Neulich in Moskau

  • -Aktualisiert am

Seit ich „Citizenfour“ gesehen habe, halte ich ihn für einen Helden. Er macht das wirklich für ein höheres Ziel, oder?

Edward Snowden in „Citizenfour“

Ja, ist so. Er ist ein Idealist.

Er hat sein gesamtes bisheriges Leben einer größeren Sache, an die er glaubt, geopfert.

Ja. Und er ist kein bisschen naiv, er ist hochintelligent.

Und dennoch, mit seinen Veröffentlichungen hat er nicht besonders viel bewirkt, oder?

Doch, ich glaube schon. Er hat da etwas losgetreten was nicht mehr zu stoppen ist, was man auch an dem jüngsten BND-Skandal sieht. Vieles ist vielleicht nicht so sichtbar, aber es klagen jetzt immer mehr Amerikaner gegen Eingriffe in ihre Privatsphäre - und weil es jetzt Beweise gibt, dass sie recht haben, werden sie diese Prozesse gewinnen. Das macht einen großen Unterschied auf ganz vielen Ebenen. Gerade auch, was Firmen betrifft. Twitter hat die amerikanische Regierung verklagt, weil die sie zwingen wollte, die Daten ihrer Kunden herauszugeben. Facebook hat das nicht gemacht.

Sind Sie auf Facebook?

Natürlich nicht.

Verschlüsseln Sie Ihre Mails?

Ja. Auch unwichtige, einfach um denen ein bisschen mehr Arbeit zu machen. Das ist auch nicht schwer, wenn man einmal PGP (Pretty Good Privacy) installiert hat.

Haben Sie das Gefühl, Sie werden besonders überwacht?

Ich war Dutzende Male in der ecuadorianischen Botschaft in London, ich war bei Snowden in Moskau - ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass es nicht so ist. Meine Haltung dazu: Ich bin Künstlerin, ich interessiere mich für dieses Thema, das ist mein gutes Recht.

Und Ihr neues Stück, „Supernerds“, wird dann auf dem Gespräch basieren, das Sie mit Snowden geführt haben?

Es basiert auf vielen Gesprächen, die ich in den letzten drei Jahren geführt habe, von Assange bis Snowden. Wenn es klappt, schalten wir auch live via Skype zu ihm nach Moskau. Ansonsten ist es der Versuch, ein Hybrid zu machen aus Fernsehen, Internet und Theater. Es wird parallel eine Live-WDR-Fernsehsendung geben, in der Bettina Böttinger Leute interviewt, etwa Wolfgang Kaleck, den deutschen Anwalt von Snowden.

Und das Oberthema ist Massenüberwachung?

Ja. Ich will nicht zu viel verraten, aber wir wollen den Zuschauern zeigen, was an Überwachung möglich ist und was alles gemacht wird - und ich glaube, danach werden sie ein bisschen ein anderes Verhältnis zu ihrem Handy haben.

Ihre Interviews mit den Whistleblowern erscheinen Ende Mai auch als Buch.

Whistleblower-Legende Daniel Ellsberg

Ja. Da ist auch ein Gespräch mit Daniel Ellsberg dabei, den ich in Kalifornien besucht habe. Er ist 84 Jahre alt, ich wollte eigentlich nur drei Stunden bleiben, es wurden drei Tage daraus.

Wer ist das noch mal?

Er hat die so genannten Pentagon-Papiere geleakt, die bewiesen haben, wie die amerikanische Regierung ihre Bevölkerung in Bezug auf den Vietnamkrieg täuschte. Und so mit dafür gesorgt, dass der Vietnamkrieg ein Ende nahm und Nixon zurücktreten musste. Er ist also praktisch der Ur-Whistleblower und das große Vorbild. Er kam nie ins Gefängnis, weil herauskam, dass Nixon versucht hatte, ihm Sachen anzuhängen.

Sean Penn, der ja immer als sehr liberal gilt, hat gerade lautstark verkündet, Edward Snowden sei für ihn kein echter Whistleblower - und gefordert, er solle sich in Amerika einem Prozess stellen.

Ja. Penn hält, wie so viele, Ellsberg für einen Helden und Snowden für einen Verräter. Aber Ellsberg selbst sagt, genau so, wie man heute über Snowden spreche oder über Chelsea Manning oder Assange, habe man früher über ihn gesprochen. In fünfzig Jahren werde man auch über sie sagen, dass es Helden sind.

Interview Johanna Adorján

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