https://www.faz.net/-gqz-82vni

Treffen mit Snowden : Neulich in Moskau

  • -Aktualisiert am

Sehr herzlich und aufmerksam. Er hat sich sehr fürsorglich erkundigt, wie meine Reise war. Ich hatte vorher fragen lassen, ob ich ihm irgendwas mitbringen soll, und dann hieß es aus Moskau: Ja gerne - Erdnussbutter und amerikanische Knabbereien. Mich hat das gerührt, weil es die Wünsche von jemandem sind, der Heimweh hat.

Über was haben Sie gesprochen?

Ich hab’ ihn unter anderem gefragt, ob er ein Verräter ist. Darüber haben wir sehr lange gesprochen. Irgendwann waren wir sogar bei den Häretikern. Galileo Galilei. Brauchen wir nicht als Korrektiv ab und zu einen „Verräter“, der das bestehende Gesetz bricht? Ist legal auch immer moralisch? Und wir haben auch darüber gesprochen, ob es eigentlich überhaupt Sinn macht, mit Massenüberwachung Terrorismus bekämpfen zu wollen.

Nein, oder?

Natürlich nicht. Denn ob man nun das Attentat von Boston nimmt oder den Anschlag auf „Charlie Hébdo“ in Paris: Wo immer so etwas passiert, ist es natürlich ein Versagen der Massenüberwachung. Alle diese Leute waren bekannt. Sie standen entweder persönlich oder elektronisch in Verbindung mit bekannten Terroristen oder terroristischen Organisationen. Anschläge zu verhindern ist angeblich ja der Sinn und die Legitimierung dieser Komplettüberwachung der eigenen Bürger. Aber sie verhindert keine Anschläge, weil sie nicht dazu geeignet ist. Das hat mir Snowden noch mal ganz genau erklärt.

Und zwar wie?

Dieses System ist für alles Mögliche zu gebrauchen - für Industriespionage, Kontrolle der gesamten Gesellschaft, dafür ist es spitze. Aber er sagt, die effektivste Art, Terroristen zu verfolgen, ist es, sich auf die zu konzentrieren, die tatsächlich verdächtig sind. Und es macht Sinn, genau diese Leute gezielt mit der guten alten Polizeiarbeit zu überwachen. Rund vier Milliarden Menschen haben ein Smartphone oder E-Mail, es gibt weltweit aber nicht mehr als 20 000 Analytiker. Das bedeutet, jeder dieser Analytiker müsste etwa 200 000 Personen überwachen. Das ist unmöglich. Seit 2012 sollen Algorithmen entwickelt werden, die jene Daten aus der Masse filtern, die wichtig sind. Aber können die je das kreative menschliche Denken ersetzen?

Wer profitiert denn eigentlich von dieser Massenüberwachung? Um was geht es wirklich?

Also, Snowden ist kein Verschwörungstheoretiker, und ich bin’s auch nicht geworden. Aber wir haben eine bastardisierte Form von Demokratie, die momentan dabei ist, sehr schnell in Richtung eines totalitären Überwachungsstaates abzudriften.

Aber Assange ist schon ein bisschen paranoid, nein?

Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft.

Nein, nein, das unterstellen ihm die Leute. Er kann sich einfach nicht kurz fassen, das ist sein Problem. Fakt ist: Es gibt keine Verschwörung, und auch Assange glaubt das nicht. Es geht einfach um Macht und um Geld, und darum herum ist ein System entstanden, in dem auf ungute Weise Geheimdienste, Militär und private Firmen miteinander verflochten sind. Und dieses System hat eine eigene Dynamik und eine eigene Logik. Dazu braucht es gar keine weiteren Verschwörungen im Hintergrund. Das System an sich ist im Grunde eine wildgewordene Lüge. Dieser Überwachungsapparat, der da entstanden ist und der sich jeder demokratischen Kontrolle entzieht, ist wie ein riesiges Krebsgeschwür, dass alle anderen Ressourcen abzieht. Um das zu sehen, brauche ich aber nicht paranoid zu sein. Das ist alles systemimmanent absolut logisch.

Und was macht Edward Snowden so den ganzen Tag in Moskau?

Ich habe gehört, dass er an einem automatisch verschlüsselten E-Mail-System arbeitet. Und an Programmen. Ich muss gestehen, ich hatte fast Muttergefühle für ihn. Man möchte ihn am liebsten einpacken und mit nach Berlin nehmen. Er hätte auch gerne Asyl hier, aber dazu wird es nicht kommen, das schätzt auch er realistisch ein. Wäre er ein russischer oder chinesischer Dissident, würde man ihm den roten Teppich ausrollen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.