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Trauerrede zum Tod von Reich-Ranicki : Der ungeliebte, der geliebte Ruhestörer

  • -Aktualisiert am

Rachel Salamander, Leiterin des F.A.Z-Literaturforums, auf der Trauerfeier für Marcel Reich-Ranicki. Bild: Röth, Frank

Marcel Reich-Ranicki hat von möglichen Optionen vor allem eine gewählt: das Gute an Deutschland herauszustellen. Nicht Mahner zu werden, nicht Rächer, nicht Kritiker der Deutschen, nur Literaturkritiker. Ein Abschied.

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          Es ist wie zu seinen Lebzeiten: Um diesen Mann herrschte immer Wirbel. Der Auflauf heute zu seiner Beerdigung hätte Marcel Reich-Ranicki sehr gefallen. Die überwältigende Anteilnahme der Bevölkerung hätte ihn ebenso gefreut wie das weit über das Übliche hinausreichende Medienecho. Mit dem Eintritt seines Todes am Mittwoch, dem 18. September, am frühen Nachmittag, überschlugen sich die Meldungen, Nachrufe und Statements, Sondersendungen auf allen Kanälen von Funk und Fernsehen, inklusive Internet, als stünde die Welt still und als gäbe es keine anderen Nachrichten. Hat je ein Bundespräsident oder eine andere Persönlichkeit des öffentlichen Lebens eine derartige Resonanz ausgelöst? Über seinen Tod hinaus hat er die Medien dirigiert. Ich stelle mir vor, wie Marcel mit mir darüber am Telefon spricht und mit welcher Lust und Freude er Zensuren verteilt zu diesem Artikel und jenem Beitrag.

          Diese Reaktion der Öffentlichkeit und die nahezu einhellige Ehrerbietung tun gut. Schließlich hat Deutschland Marcel Reich-Ranicki viel zu verdanken. Ihm, der sich mit einer lebenslänglichen Wunde ins Leben zurückkämpfen musste. Wer einmal für lebensunwert erklärt wurde, „kann nicht mehr heimisch werden in der Welt“ (Jean Améry). Gegen alle Wahrscheinlichkeit konnte er sein von den Nationalsozialisten zur Disposition gestelltes Leben und das seiner Frau Tosia unter ständiger Todesdrohung vor der Vernichtung retten. Nur sie beide und die Schwester von Marcel Reich-Ranicki waren von den Familien übriggeblieben.

          Er brachte den Deutschen ihre verbotenen Dichter zurück

          Als Marcel Reich-Ranicki 1958 einen Studienaufenthalt in der Bundesrepublik nutzte, hier zu bleiben, stand er zum dritten Mal vor der Situation, eine neue Existenz aufbauen zu müssen. Und er tat es in dem Land, das ihn, den Achtzehnjährigen, all dessen beraubt hatte, worauf ein junger Mensch kurz nach dem Abitur bauen kann: auf ein Zuhause, auf die Möglichkeit zu studieren, auf eine Zukunft. Von heute auf morgen galt nichts mehr, was ein Weltvertrauen ausmacht. Der Mitmensch wurde zum Gegenmenschen, ohne Mitleid und Erbarmen, so hatte er Deutsche erfahren.

          Aus der Gegenwelt der Deutschen und gezeichnet von dem, was ihm widerfahren war, kam er in Westdeutschland an. Neben zwei Koffern und fünf Dollar in der Tasche führte er allerdings mit sich, was ihm niemand hatte nehmen können und was ihm das Berliner Fichte-Gymnasium und die Mutter auf den Weg fürs Leben mitgegeben hatten: deutsche Bildung. Die deutsche Literatur hatte sich bei der Qual des Überlebens als „rettendes Geländer“ (Ruth Klüger) bewährt, und sie sollte sich auch beim Neuanfang als tragfähiges Fundament erweisen.

          Marcel Reich-Ranicki hat von möglichen Optionen vor allem eine gewählt: das Gute an Deutschland herauszustellen - Goethe und Schiller, Mozart und Beethoven. Nicht Mahner zu werden, nicht Rächer, nicht Kritiker der Deutschen, nur Literaturkritiker. Man könnte ihn schon fast einen Idealisten nennen. Er brachte den Deutschen zuerst ihre im „Dritten Reich“ verbotenen, verbrannten und ermordeten Dichter zurück, mit ihnen beheimatete er sich hier wieder.

          Die Reihe der Trauergäste, ganz links Bundespräsident Joachim Gauck.
          Die Reihe der Trauergäste, ganz links Bundespräsident Joachim Gauck. : Bild: Frank Röth

          In seinem großartigen Text „Über Ruhestörer. Juden in der deutschen Literatur“ setzte er ihnen ein unvergleichliches Denkmal. Das alles gelang ihm, wiewohl er ein Autodidakt war, weder einer akademischen Schule noch einer Richtung der Germanistik angehörte. Idealist, der er war, hat er in einer Art ästhetischer Erziehung die Deutschen auf beste und uneinholbare Weise für ihre Literatur eingenommen.

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