https://www.faz.net/-gqz-ag1

Trauerfeierlichkeiten : Ein bisserl Absolutismus wagen

  • -Aktualisiert am

„Österreich ist kein Staat, keine Heimat, keine Nation. Es ist eine Religion”, schreibt Joseph Roth in „Die Kapuzinergruft” – hier zu sehen vor wenigen Tagen Bild: Reuters

Mit der Beisetzung Otto von Habsburgs in der Kapuzinergruft wird heute in Wien der letzte Akt eines siebenhundertjährigen Dramas gegeben. Was als Ritterschlacht begann, endet nun als Volkstheater.

          Wäre er Österreich, wäre er dem Imperium wirklich der gute Kaiser gewesen, nach dem sich Europa so lange gesehnt hat? Otto von Habsburg hat mit den Jahren jedenfalls nach Kräften an dieser Legende gearbeitet. Bescheiden, liebenswürdig, ewas schrullig, hochgebildet, vielsprachig und altersmilde - einen solchen Potentaten hätten die meisten europäischen Reststaaten im grauen Zeitalter der Demokratie doch durchaus gebrauchen können.

          Im Habsburgerreich herrsche - so unter Kaiser Franz Joseph der Sozialdemokrat Victor Adler - „Absolutismus gemildert durch Schlamperei“. Unter Otto von Habsburg, so sehen es nicht nur seine stockmonarchistischen Anhänger mit ihren zerbeulten Orden und bunten Uniformen, hätte man die herrschende Schlamperei vielleicht durch ein bisserl Absolutismus mildern können. Wäre das nicht den Versuch wert gewesen? Wenigstens den Gedanken? Doch nun, im Tode, ist es vorbei mit der Bescheidenheit. Nun bekommt der Urgroßneffe, was dem letzten großen Kaiser Franz Joseph mitten im Großen Krieg, im November 1916, sein untergehendes Imperium veranstaltete: Requiem mit dem zelebrierenden Kardinal von Wien im Stephansdom, Trauerkondukt mit Militärmusik über den Graben, durch die Tore der Hofburg und den gesperrten Ring. Und schließlich, als lägen keine fünfundneunzig Jahre dazwischen, die Bestattung in der Kapuzinergruft.

          Den Urknall Europas noch einmal hören

          In dieser schlichten Kaisergruft mitten in der Inneren Stadt kommt Otto zu seinen Ahnen, immerhin zwölf Kaisern, die hier seit vierhundert Jahren Zuflucht fanden. Hier ruhen sie seit Kaiser Matthias, um dessen Starrsinn der Dreißigjährige Krieg anfing. Vor allem das k.u.k.-Dreigestirn: die unglücklich-magersüchtige Bayerin Sissi, ihr solitärer Sohn Rudolf, der sich und seiner Geliebten in Mayerling das Leben nahm. Und Franz-Joseph I., der das Habsburgerreich marionettenhaft durch seine glorreiche Stagnation pfeilgerade in die Gemetzel des Ersten Weltkrieges hineinführte. Bumsti.

          Otto von Habsburg in der Uniform eines Hauptmanns der Tiroler Schützen im Jahr 1936

          Heute können wir den Urknall Europas noch einmal hören. Man muss sich einmal vorstellen, dass zu öden Zeiten des schon wieder halb begrabenen Euro hier ein Mensch seine letzte Ruhe findet, der die tristkalten Trauerzeremonien für Franz-Joseph 1916 ebenso als ein Hauptakteur mitgemacht hat wie das Exil der Habsburger 1919 und den Tod des letzten Kaisers Karl 1922 auf der Exilinsel Madeira. Nun kehrt der fidele landlose Kaiser ins melancholisch kaiserlose Land zurück. Und es verblasst der allerletzte Glorienglanz der Monarchie am Abendhorizont der Geschichte.

          Das Bild der gottgewollten Guten Ordnung des Kontinents

          Seit neunundachtzig Jahren regierte Otto von Habsburg ein Reich, das es nicht mehr gibt. Hatte Franz-Joseph als symbolischer Kaiser ein nur zu reales Völkergemisch unsichtbar zusammengehalten, wurde Otto zum sehr präsenten Monarchen des Märchenlandes Habsburg. Sein dramatisches, tragisches, am Ende rührend gestriges Leben bohrte sich immer weiter in eine Gegenwart hinein, die erst vom Bürgerkrieg, dann vom Faschismus, dann vom Kommunismus und erst ab 1989 von der Demokratie dominiert wurde. Über all diese Ideologien mit ihrem wechselnden Personal hielt Otto wie eingeweckt das Bild der gottgewollten Guten Ordnung des Kontinents aufrecht, die es so gar niemals gegeben hatte. Alle wussten das. Doch alles, was nach der Monarchie in gebeutelten Ländern wie Ungarn, Galizien, Slowenien, Bosnien, Österreich an Säuberungen und Ausrottungen und Inthronisationen so geschah, musste das Idealbild der Vielvölkermonarchie einfach aufglänzen lassen.

          „Ein vom Tode auf unbeschränkte Zeit Beurlaubter“ - nichts anderes ist für Joseph Roth der Held seines Romans „Die Kapuzinergruft“. Im Pariser Exil, als halbtoter, an der Gegenwart verzweifelter Alkoholiker hatte Roth genial genau den widerlichen Moment des „Anschlusses“ durch den Österreicher Hitler mit der Kapuzinergruft verknüpft. In der traurigsten Nacht seit dem Tag der Schlacht von Dürnkrut, da Rudolf von Habsburg sich 1278 den Besitz Österreichs erkämpfte, schwankt ein besoffener Monarchist, der letzte Österreicher Baron Trotta, zur Kapuzinergruft. Dorthin, „wo meine Kaiser liegen“. Statt des Kaisers Franz oder wenigstens des Kaffeehauskellners Franz begleitet ihn nur ein altersschwacher Hund. Was für eine schöne Leich'!

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.