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Trauerfeier für Reich-Ranicki : Wo Literatur ist, wird seine Stimme hörbar bleiben

Die Reihe der Trauergäste, ganz links Bundespräsident Joachim Gauck. Bild: Frank Röth

Seine Liebe galt der Musik, der Literatur und immer auch dem Menschen: Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof nimmt die literarische Welt Abschied von Marcel Reich-Ranicki.

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          Die literarische Welt hat Abschied von Marcel Reich-Ranicki genommen. Nur die literarische Welt? Nein, denn wie die Reaktionen auf den Tod des Literaturkritikers am Mittwoch letzter Woche gezeigt haben, ist Marcel Reich-Ranicki bis an sein Lebensende eine Figur des öffentlichen Lebens geblieben, die weit über literarische Zirkel hinaus gewirkt hat.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Dass viele hundert Trauergäste zusammen mit Reich-Ranickis Sohn Andrew Ranicki und der Enkelin Carla an der Feier in der Halle des Frankfurter Hauptfriedhofs teilnehmen wollten, hätte ihm gefallen, sagte Rachel Salamander, die in ihrer Rede nicht nur Abschied von einem langjährigen Freund und Vertrauten nahm, sondern auch bündig feststellte, Deutschland habe Marcel Reich-Ranicki viel zu verdanken. In dem Land, aus dem die Mörder seiner Eltern und seines Bruders stammten, habe er stets das Gute herausgestellt: Er sei weder Mahner noch Rächer gewesen, „nicht Kritiker der Deutschen, sondern Literaturkritiker“. Als Idealist habe er Literaturkritik auch als eine Art „ästhetischer Erziehung“ der Deutschen betrieben.

          Frank Schirrmacher, für das Feuilleton zuständiger Herausgeber und Reich-Ranickis unmittelbarer Nachfolger im Amt des Literaturchefs, hatte keinen Zweifel, dass Reich-Ranicki auch seine eigene Trauerfeier in bewährter Manier rezensiert hätte: unbestechlich und nach Kriterien ganz eigener Art. Eine Beerdigung ohne Polizeiwagen vor dem Friedhof tauge nichts, habe Reich-Ranicki ihm einmal gesagt. Wo die Polizei fehle, fehlten nämlich auch die hohen Repräsentanten des Staates.

          Die empfindsame Seite des Kritikers

          An Polizeiwagen herrschte in Frankfurt kein Mangel. Bundespräsident Joachim Gauck war gekommen, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier dachte über das eigene Bundesland hinaus, als er sagte, ganz Deutschland trauere um eine außergewöhnliche Persönlichkeit, Petra Roth dankte für manchen Rat in kulturpolitisch schweren Zeiten, und Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann würdigte Reich-Ranicki als einen Menschen, der die Abgründe wie die Höhen des 20. Jahrhunderts durchmessen habe wie wenige sonst.

          Zu Klängen von Bach, Schumann und Puccini war an diesem Nachmittag immer wieder auch von der Musik die Rede. Zusammen mit der Literatur bildete sie, wie seine Freunde wussten, jenes legendäre, oft zitierte „portative Vaterland“, das er, der 1920 in Polen geboren wurde, im Berlin der dreißiger Jahre aufwuchs und von den Nazis 1938 deportiert wurde, sich in der Literatur inszenieren musste, wie Rachel Salamander sagte. Rüdiger Volhard, einer der engsten Freunde Reich-Ranickis, wies daraufhin, dass die geradezu besessene Liebe des oft polternden Kritikers aber nicht nur der Literatur und der Musik, sondern allen schlechten Erfahrungen zum Trotz immer auch den Menschen gegolten habe.

          Salomon Korn, den eine fast dreißigjährige Freundschaft mit Reich-Ranicki verband, erinnerte in seiner berührenden Ansprache an die Schreckenszeit, die Marcel Reich-Ranicki und seine vor zwei Jahren verstorbene Ehefrau Tosia nach der Deportation zuerst im Warschauer Getto und danach im stets gefährdeten Kellerversteck des polnischen Bauern Bolek Gawein verbringen mussten. Die liebevolle, empfindsame Seite, die Korn und seine Frau Maruscha so oft im kleinsten Kreis an Reich-Ranicki beobachtet hätten, habe er in der Öffentlichkeit kaum einmal gezeigt: „Um zu überleben, hatte er eine Palisade um sein Innerstes errichtet – und diesen Überlebensschutzwall nie wieder gänzlich abgebaut.“

          Held des Vergebens

          Dass Marcel Reich-Ranicki dennoch viele Menschen nicht nur erreicht, belehrt und unterhalten, sondern auch berührt hat, machte Thomas Gottschalk deutlich. Der Entertainer würdigte den Fernsehunterhalter Reich-Ranicki und bekannte, dass er in der 1999 erschienen Autobiographie „Mein Leben“ nicht nur seine eigene Jugend im Bild des Berliner Gymnasiasten Marcel Reich wiedergefunden habe, sondern in dem gereiften Überlebenden der Judenverfolgung einen Helden des Vergebens, aber Gott sei dank eben nicht des Vergessens“ entdeckt habe. In den Internetforen, in denen sonst vor allem gelästert und genörgelt werde, gehe es nun oft geradezu nachdenklich und feierlich zu: „Dieser streitbare Mann hat erreicht, dass in diesem streitlustigen Medium kurzfristig Friede einzog.“

          Marcel Reich-Ranicki ist tot. Aber seine Stimme werde auch in Zukunft überall dort zu hören sein, wo Literatur sei, sagte Frank Schirrmacher. Schüler im klassischen Sinne habe sein Vorgänger als Literaturchef nie gehabt, aber er habe in Rachel Salamander, die künftig als Juryvorsitzende den Marcel-Reich-Ranicki-Preis der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vergeben wird, eine Repräsentantin seines Geistes. Dass er sich von denjenigen, die sich angemaßt hatten, Deutschland verkörpern zu wollen, die Liebe zur deutschen Kultur nie hat nehmen lassen, das ist wohl Marcel Reich-Ranickis größter Triumph über den Tod hinaus.

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