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Edo Reents (edo.)

Trauerfeier für Elisabeth II. : Gottes erste Dienerin

  • -Aktualisiert am

Der Sarg von Königin Elisabeth II. kommt in Westminster Abbey an. Bild: AFP

Keine Normalsterbliche: Die Trauerfeier für Elisabeth II. stand ganz im Zeichen der Transzendenz.

          2 Min.

          Wie auch immer es mit der britischen Monarchie weitergeht: Ohne den metaphysischen Überbau, der am Montag in Westminster in Bild und Ton noch einmal – ein letztes Mal? – so verschwenderisch und dabei streng nach Protokoll präsentiert wurde, wird ihr keine allzu große Zukunft mehr beschieden sein. Die Trauerfeier für Elisabeth II. gab der spekulativen Phantasie Nahrung, die über diesen Trauertag hinaus vorhalten müsste, und war gespickt mit theologischen oder ganz einfach nur logischen Paradoxa.

          Wen hat sie berührt?

          Man ist daran gewöhnt, dass bei Toten Zuschreibungen vorgenommen werden, die zu Lebzeiten noch genau gegenteilig lauteten. Als Diana starb, schwieg sich die scheinbar böse Schwiegermutter fast um Kopf und Kragen und konnte sich angeblich nur noch deswegen auf dem Thron behaupten, weil sie in letzter Minute einer „Königin der Herzen“ ihre Reverenz erwies und diese damit als die wahre Herrscherin anerkannte. Es ginge gegen die Pietät, sich darüber zu wundern, dass nun auch Elisabeth II. selbst, wie es in der Ansprache hieß, „so viele Menschen berührt“ haben soll. Womit? Mit dieser tadellosen Dienstauffassung, die als ihre hervorragende Eigenschaft bemüht wird? Diana wurde ja gerade deswegen geliebt, weil sie dagegen verstieß. Aber das war vor einem Vierteljahrhundert, das nur etwas mehr als den dritten Teil der elisabethanischen Regentschaft ausmacht.

          Patriarchin des Abendlandes

          Ein langes Leben rundete sich in der Abtei, Schauplatz entscheidender Stationen: Hochzeit, Krönung, Tod. In einem sich schließenden Kreis ist die Zeitlichkeit aufgehoben. So war denn die Trauerfeier auf imponierende Art und Weise ganz an der Transzendenz ausgerichtet, wies quasi Richtung Himmel.

          Nearer, My God, to Thee – als dieser Choral auf der sinkenden Titanic angestimmt wurde, war selbst Elisabeth II. noch nicht am Leben. Die Monarchie, ja, das ganze noch verbliebene Empire müssen mit dem Tod Ihrer Majestät nicht untergehen, werden aber auf Sinnzuschreibungen angewiesen bleiben. Dazu gehört, in eigentümlicher Dialektik, der Humilitätsgestus, der die Königin im Tod vollends umgibt. Ganz aufrücken zu Gott kann auch sie nicht; aber sie ist nun, nach diesem Hochamt, ganz offiziell seine erste Dienerin – und das als Protestantin!

          Patriarchin des Abendlandes? Es passte immerhin, dass die Fürbitte für die Commonwealth-Staaten, deren Abgesandte sich ihren Teil auch gedacht haben werden, einem römisch-katholischen Kirchenmann überlassen war. Irdischer Gerichtsbarkeit ist das Oberhaupt ehemaliger Kolonien nun jedenfalls enthoben.

          Die Lesung aus dem Korinther-Brief ließ keinen Zweifel daran, dass hier keine gewöhnliche Sterbliche zu Grabe getragen wurde: „Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung“. Es wäre auch ein Wunder, das über den Glauben geht, gewesen, wenn die Briten just an diesem Tag ihr Sinn für Rangordnungen verlassen hätte.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

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