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Trauer um Anschlagsopfer : Die republikanische Toteninsel

Der Gedenkort am Breitscheidplatz: Niemand weiß, was daraus wird, und ob die deutschen Opfer des Attentats anonym bleiben werden. Bild: Andreas Pein

Wer ist beim Lastwagen-Attentat am Berliner Breitscheidplatz gestorben? Zwei Monate danach tut sich nicht nur die Stadt schwer beim Gedenken.

          Die Toten des islamistischen Attentats waren gerade erst begraben, da begann eine dieser irren Diskussionen, ob das, was an öffentlicher Trauer zu sehen und zu hören war, auch angemessen sei. Ob die Deutschen überhaupt trauern könnten, und falls ja, ob die das dann auch dürften, wegen ihrer Geschichte. Doch während sich die einen in ihren postheroischen Klügeleien verhedderten, die Politik fatal lange brauchte, um ein offizielles Gedenken zu organisieren, und ein unwürdiger Streit über Sicherheitsfragen das Entsetzen über den Mordanschlag im Herzen Berlins zu übertönen schien, fanden Trauer und Mitgefühl mit den Hinterbliebenen und den vielen Verletzten ganz von allein ihren Ort. Zuerst rings um die Gedächtniskirche, dann konzentriert am Straßenrand, genau dort, wo der religiöse Fanatiker Amri den Lastwagen am Abend des 19. Dezembers in die ahnungslose Menschenmenge gesteuert hatte.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Inzwischen ist diese informelle Totengedenkinsel an die Rückfront der Kirche verlegt worden: das Kerzenmeer und die vielen immer frischen Blumen, die persönlichen Botschaften von Berlinern und Besuchern der Stadt, darunter einige, die erkennbar von Freunden oder Kollegen der Ermordeten stammen, die offiziellen Kränze der Botschafter, Bürgermeister, Minister und Präsidenten, die längst auch alle dorthin kommen, um einige Augenblicke still der Opfer zu gedenken. Mittendrin stehen zwei große Fototafeln, die dieses belebte Viertel mit seinen Hotels, der Kirche, den Kaufhäusern und Kinos zeigen. Doch es hat nicht lange gedauert, bis auch diese fast schon professionellen Gedenkzeichen mit individuellen Botschaften versehen waren.

          Anonymität der Opfer zum Schutz der Hinterbliebenen?

          Auf den Hotelturm auf einer Fototafel hat jemand ein Bild des polnischen Papstes Johannes Paul II. geklebt, den viele Polen immer noch als großen Ermutiger in dunkler Zeit verehren. Rechts neben dieser Tafel ein hölzernes Kreuz mit dem Bild des polnischen Lastwagenfahrers, Amris erstes Opfer, dem am Breitscheidplatz auffallend viele sehr persönliche Botschaften gewidmet sind. Ganz rechts, am Rand der Toteninsel, ein Plakat, das einem kurz das Herz stocken lässt. Sein unbekannter Schöpfer hat es in zwölf Felder unterteilt, jedes unterlegt mit der Nationalflagge des Landes, aus dem die Mordopfer stammten. Zur polnischen gehört ein Foto des ermordeten Fahrers, auch die Israelin hat ein Bild, genauso wie die Italienerin und die Tschechin. Auf den deutschen Feldern nur passbildgroße Umrisse, immer noch anonyme Opfer dieser Untat.

          Einige der handgeschriebenen Zettel, zwischen Kerzen und Blumen hinterlassen, fragen nach dem Warum dieser Anonymität, versichern Mitgefühl und künden von Ratlosigkeit, wie mit so einer Katastrophe angemessen umzugehen sei. Am ehesten können sich Besucher, die sich leise darüber unterhalten, noch darauf einigen, dass es wohl zum Schutz der Hinterbliebenen sei, wenn sie unerkannt blieben. Schutz vor wem, das ist dann schon nicht zu klären. Denn jeder, der zum Breitscheidplatz kommt - weil es der einzige Ort ist, an dem auch die Deutschen zeigen dürfen, dass sie nichts vergessen wollen, dass sie erschüttert sind und trauern, auch im Monat zwei nach der Katastrophe -, jeder kennt die Bilder aus Paris mit den Fotos und den Namen der Ermordeten. Die vier Opfer, in deren Gesicht man auch am Breitscheidplatz schauen kann, so sagen es manchmal leise-verhalten Besucher, sie wirken neben den anonymen Leerstellen fast wie ein Vorwurf.

          In Ausnahmen entlädt sich geballter Unmut

          Wer bei Behörden nachfragt, wird die immer gleiche karge Auskunft erhalten, dies sei aus Datenschutzgründen so oder, und dabei bleibt es nun, der (unüberprüfbare) Wunsch der Hinterbliebenen. Auch die Pfarrer der Gedächtniskirche, die mit Kondolenzbüchern und Trauerandachten diese große Leerstelle des Gedenkens sofort füllten und dies immer noch tun, auch sie mussten ihre Kondolenzbriefe mit einer unpersönlichen Anrede beginnen. Auch ihnen ging es nur, wie allen, die seit so vielen Wochen zum Breitscheidplatz pilgern, um Beistand, um Mitgefühl. Es ist ja vorstellbar, dass diese verordnete Anonymität auch ein wirksamer Schutz vor übergriffigen Medien ist. Wobei dies im Internet ganz anders interpretiert wird. Es gibt Laienrechercheure, die in Lokalzeitungen herzzerreißende Todesanzeigen fanden und sie in alle Welt posteten, von einer Dorfgemeinschaft, die eine Nachbarin betrauert, oder Kollegen eines Opfers.

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          Die Kommentare dazu ähneln fast immer den Einträgen, die man auch in den Kondolenzbüchern der Berliner Gedächtniskirche findet. In Ausnahmen aber entlädt sich geballter Unmut, auch wegen der überbordenden Berichterstattung zum islamistischen Attentäter und der ans Licht gekommenen Ermittlungspannen. Und so wird natürlich auch vermutet, hier solle etwas verheimlicht werden, ohne erklären zu können, was das sei und vor allem warum. Doch entgegen all den abgehobenen Erörterungen über das „Tätervolk“, das nicht trauern könne, oder über eine „spezifische Berliner Verdruckstheit“ im Unterschied zur öffentlich zelebrierten Trauer im Ausland geht es hier um einen vorsichtigen Wunsch, der keinesfalls pietätlos gemeint ist: Man möchte von jenen, die hier feige um ihr Leben gebracht wurden, und jenen, die schwer verletzt wurden, wenigstens die Gesichter und vielleicht auch ihre Namen kennen, um den anonymen Tod und Angriff auf das Leben so vieler zu individualisieren, weil dieses Sichtbarwerden auch zur Trauer gehört.

          Alle Schichten der Gesellschaft in Trauer und Mitgefühl vereint

          Nun aber muss die namenlose Leerstelle akzeptiert werden; auch darum ist dieser Ort vor der Gedächtniskirche so wichtig geworden. Die AG City, eine kleine Unternehmervereinigung dieses westlichen Berliner Zentrums, hat sofort, als immer mehr Totenlichter aufgestellt und Blumen über Blumen niedergelegt wurden, einen Gärtner eingestellt. Er sorgt nun jeden Tag dafür, dass die verwelkten Sträuße und Kränze und abgebrannten Lichter entsorgt werden, ordnet behutsam das urwüchsige Durcheinander, legt vom Winterwind weggewehte Botschaften wieder an ihren Platz. Wer sich die Mühe macht und sie zu lesen beginnt, wird feststellen, dass hier alle Schichten der Gesellschaft in Trauer und Mitgefühl vereint sind; vielsprachig zudem - vom Fußballverein, von erschütterten Damen aus der Nachbarschaft, von Berliner Türken und Thailändern bis zum französischen Präsidenten.

          Der Breitscheidplatz ist zu einer Art republikanischer Toteninsel geworden; das knüpft an andere Schicksalsorte der Stadt an, wie Bornholmer Brücke oder Checkpoint Charlie. Was immer daraus wird, den puristischen, perfekten und emotionsfreien Gedenkzeichen, wie sie üblich geworden sind, wird diese Insel hoffentlich nie ähneln.

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