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Trauer um Christa Wolf : Nun ruht sie unter den deutschen Klassikern

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Zahlreiche Schriftstellerkollegen und Freunde erweisen Christa Wolf in Berlin die letzte Ehre - von einem schweren Abschied auf dem Dorotheenstädter Friedhof.

          Es lag kein griechischer Himmel über Berlin, es war bitterkalt, als die Anfang Dezember gestorbene Schriftstellerin Christa Wolf auf dem Dorotheenstädter Friedhof beerdigt wurde. Etwa dreihundert Trauernde drängten sich vor der kleinen Kapelle, die den geladenen Gästen vorbehalten war: nur engste Freunde und Familie, lautete der Refrain des würdigen Türstehers. Zu diesem inner circle zählten die Autoren Friedrich Dieckmann, Uwe Timm und Daniela Dahn, ein sehr gebeugter Günter Grass, der Künstler Günther Uecker, der Politiker Gregor Gysi sowie die von Ulla Berkéwicz angeführte Suhrkamp-Spitze. Und obwohl auch der Bürgerrechtler und evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer in der Kapelle saß, fand die Trauerstunde ohne geistlichen Beistand statt.

          Protestantisch war dennoch die Beschränkung auf Wort und Musik, die durch Lautsprecher ins Freie übertragen wurden und den Mittrauernden die Zeugenschaft ersetzen mussten. „Sie starb ruhig und ohne Schmerzen“, so Volker Braun in seiner Ansprache: „Die große Familie war um sie versammelt. Sie hatte noch einmal die Augen geöffnet. Ihre Züge waren entspannt. Sie war schön.“ Der Dichter malte den Himmel über der Mecklenburgischen Landschaft, wie Christa Wolf ihn mit in die Ewigkeit nahm: blau poliert, voll zarter Wölkchen, sanftes, heiteres Licht und der Kirschbaum mitten auf der Wiese.

          Braun erinnerte an ihre „hochgewachsene Persönlichkeit“ und ihre „Erdenschwere“ am Ende. Er sprach von der Angst und den psychischen Strapazen, die Christa Wolf besonders nach 1989 heimsuchten, als ihr schriftstellerisches Ethos nicht länger unumstritten blieb: „Sie war oft krank und erschöpft. An ihr rieben sich die Debatten, in ihr Fleisch schnitten sie ein.“ Und doch habe sie ihre Fassung gewahrt, sich die Spottlust und das Nachdenken nicht nehmen lassen. „Sie hat der deutschen Literatur Selbstbewusstsein gegeben“, lautete Brauns Fazit: „Der Alltag der Toten beginnt. Er wird bei ihr ausgefüllt sein.“ Nicht die anderen großen Toten auf dem Dorotheenstädter Friedhof nannte er an dieser Stelle: Brecht, die gleichfalls mit zweiundachtzig Jahren verstorbene langjährige Freundin Anna Seghers, Bernhard Minetti, George Tabori oder Stephan Hermlin, Hans Mayer und Günter Gaus, deren Gräber in nächster Nähe zu Christa Wolfs letzter Ruhestätte liegen. Vielmehr sprach er vom Geschwader ihrer literarischen Gestalten, von Kassandra und Medea, und beschwor so eine heidnische Unterwelt-Imago herauf: griechisch bis zuletzt.

          Die eigenen Geisteshaltung als Schmuggelgut

          Nach Volker Braun sprach Wolfs Enkelin, die Journalistin Jana Simon. Mit berührend schlichten Worten rief sie den Alltag der Lebenden ins Gedächtnis, die „große Liebe“ zwischen den Eheleuten Wolf, die üppige Tafel mit exzellentem Essen, die sie den Freunden boten und bei der es oft sehr laut zuging, und auch die Suppe, die Gerhard Wolf seiner Frau bis zuletzt jeden Tag kochte. Sie erwähnte den Hang der Großmutter „zum Konsum banaler Fernsehserien“ und auch ihr Töchterchen Nora, das mit dem Arztkoffer in die Klinik reisen wollte, als sie hörte, dass es der Urgroßmama nicht gutging: „Für mich ist eure Wohnung ein geschützter Raum“, sagte Jana Simon: „Die Schwelle führte in ein anderes Jahrhundert und in eine Welt, die es bald nicht mehr gibt und in der das Wort ,Dummheit‘ ein Schimpfwort ist.“

          Ein wenig glich die der Öffentlichkeit verschlossene Kapelle diesem Heiligtum der Wohnung. Noch einmal evozierte die Trauerfeier die Innigkeit der intellektuellen Existenz im von der Mauer begrenzten Ost-Berlin. Auch Hegel, Fichte, Schinkel und Stüler liegen auf diesem Friedhofsgelände. Namen aus einer anderen Zeit, die sich Deutschland in aufgeklärter Seelenruhe und in intimem Austausch mit der griechischen Klassik dachten. Fast wie in einem Kassiber hat Christa Wolf ihre Geisteshaltung in die Gegenwart geschmuggelt. Dass zum Abschied aus Schuberts „Winterreise“-Zyklus die Müller-Lieder „Gefror’ne Tränen“ und „Gute Nacht“ gesungen wurden, passte in dieses Bild.

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