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Transhumanismus : Bring mir den Kopf von Raymond Kurzweil!

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„Alle wünschen sich doch ein langes Leben“, sagt Miriam Leis. In ihren Augen gehen die Transhumanisten aber bereits ehrlicher mit Fragen um, die sich in einer hochtechnologisierten Gesellschaft stellen, wie eben die nach der Gestaltung des Lebens und Sterbens. „Die Politik investiert immer mehr in Programme für gesundes Altern, aber sie thematisiert den Kontext nicht.“ Das Bundesforschungsministerium etwa ist beteiligt an der milliardenschweren europäischen Innovationspartnerschaft „Aktives und gesundes Altern“, das bis zum Jahr 2020 den europäischen Bürgern ein längeres Leben in Unabhängigkeit und in guter Gesundheit ermöglichen will, wie es in der Programmbeschreibung heißt. Wie der Tod aussehen soll, wenn die Leute bis dahin gesund sind, steht nirgends. Leis glaubt, dass es nur eine konsequente Entwicklung der Medizin sei, zu dem Punkt zu kommen, an dem die Menschen die Länge ihrer Lebensspanne selbst bestimmen können. Und dann drückt man auf einen Knopf und das Leben ist vorbei? Vielleicht, sagt Leis.

Wo fängt Leid an?

Wenn es nach den Transhumanisten geht, so Leis, soll die Technologie so entwickelt werden, dass „das Beste für den Menschen“ möglich ist: „Freiheit und Autonomie, Lebensqualität und die Eliminierung ungewollter Lebenseigenschaften“. Ähnlich hören sich die Ziele der europäischen Innovationspartnerschaft an, des „Human Brain Projects“ und die Leitlinien von Googles Initiative zur Abschaffung des Todes. Als „ungewollte Lebenseigenschaften“ gelten auch jenseits der transhumanistischen Szene diverse Krankheiten, die jeder Einzelne bereits selbstverantwortlich vorbeugen kann. „Lebe (und sterbe) selbstbestimmt“ lautet der Imperativ der Gegenwart, der sich damit selbst untergräbt, gerade weil er so tief internalisiert ist.

Als „ungewollte Lebenseigenschaften“ gelten auch Behinderungen, die werdende Eltern, so der Appell der Präventionsgesellschaft, über Pränataldiagnostik erfassen sollten. In der Forschung gewinnt diesbezüglich ebenfalls vor allem die Weiterentwicklung der Genmodifizierung an Relevanz: In den Augen der Transhumanisten soll sie bald ermöglichen, nicht nur das eigene Leben und Sterben, sondern auch die Produktion weiteren Lebens, den Nachwuchs selbstbestimmter zu gestalten, etwa keine Kinder mit Behinderungen mehr zu produzieren. Jeder könne sich mit dem Wunsch identifizieren, den Genpool der künftigen Kinder so zu modifizieren, dass der Nachwuchs nicht leiden muss, meint Leis. Aber die Chancen und Risiken von Gen-Editing müssten gesellschaftlich mehr diskutiert werden, findet sie. Zum Beispiel die Frage, wo Leid anfange.

Lassen sich die Gene der eigenen Kinder erst einmal nach Belieben zusammenstellen, wird wohl kaum jemand ein Kind gebären wollen, das diskriminiert werden könnte. „Die Biologie der Menschen lässt sich schneller ändern als ihre Kultur – wir wissen, wie hartnäckig beispielsweise Rassismus ist“, sagt Leis. Das ist die neue Variante der Cyborg-Vision: Will ich meinem Kind die besten Chancen bieten, was wähle ich? Weiß, männlich, hetero, 1,80 groß, die Schultern breit, die Hüfte schmal? Mehr IQ kann ich später per Chip nachkaufen.

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