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Transhumanismus : Bring mir den Kopf von Raymond Kurzweil!

  • -Aktualisiert am

Alles für die Leistungsoptimierung

Für Google oder die EU mag der Fokus auf das falsche Forschungsfeld verlustreich sein, für die transhumanistische Idee ist es dagegen egal, ob ein Mini-Roboter wie das Nanobot in der Blutbahn Krebszellen besiegen oder ob es ein biochemisches Mittel sein wird, das den Alterungsprozess aufhält, indem es das Erbgut verändert. Hauptsache, „die Natur“ wird überwunden, der Körper unter Kontrolle gebracht. Bis Menschen genauso wenig leiden oder sterben müssen wie Computer. Bis sie Cyborgs sind.

Für Miriam Leis war Mitte der Achtziger das Cyborg-Manifest der Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway prägend, ein Manifest, das eine postmoderne, postpatriarchale, postkapitalistische und postgender Gesellschaft in Aussicht stellt. Haraways Cyborg ist eine ironische Metapher für eine neue Dimension des Kapitalismus und gleichzeitig der Verweis auf die ihm innewohnende Möglichkeit des Widerstands: Cyborgs sind in Haraways Vision kybernetische Hybride aus Maschinen, Artefakten und Organismen, die überkommene Hierarchien zwischen Physikalischem und Nicht-Physikalischem, Mensch und Tier, Kultur und Natur, Mann und Frau aufheben. Sie sind zutiefst Effekt des Kapitalismus und deshalb auch verwoben mit der Informatik der Herrschaft – und doch wohnt ihnen emanzipatives Potential inne für neue Formen der Solidarität und Subversion.

In Kurzweils Texten und den Programmen der transhumanistischen Parteien wird man keinen Verweis auf Haraway finden. Die erste Prämisse des transhumanistischen Weltbildes, das die amerikanische Partei formuliert, lautet: Ein Transhumanist muss die Sorge um seine eigene Existenz über alles andere stellen. Die neue Cyborg-Vision hat jeden Wunsch nach Kollektivität und Herrschaftskritik verloren. Dafür passt sie gut in eine Gesellschaft, in der jene Technologien gefördert werden, die erstens zahlungskräftige Interessenten finden – Kurzweil vertreibt neben seiner Tätigkeit bei Google etwa schon parallel diverse teure Anti-Aging-Mittel über seinen Online-Shop – und zweitens der allgemeinen Direktive der Effizienz- und Leistungsoptimierung entsprechen.

Leben, um noch effizienter leben zu können

Jener transhumanistische Traum ist nicht neu, in ihm verschmelzen neoliberale Ideologie, Technodeterminismus und Biopolitik nur noch weiter. Vom Armband am Handgelenk, das die Schritte zählt, den Puls misst und die Kalorienzufuhr im Blick hat, zum Chip, der sich dafür gleich unter die Haut schieben lässt: Die Selbstvermessung zur Optimierung des eigenen Lebens ließe sich damit noch effizienter gestalten, die Optimierungsmöglichkeiten könnten quasi optimiert werden. Leben, um noch effizienter leben zu können. Die biotechnologische Aufrüstung des Menschen mit transhumanistischen Technologien, die Gehirn-Computer-Schnittstellen nicht nur in medizinischen, sondern auch in alltäglichen Lebensbereichen einsetzen, mit Implantaten zur Steigerung der kognitiven Fähigkeiten oder zur Stabilisierung gesunden Körpergewebes, scheint dann doch nicht so abwegig.

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