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Tove Jansson, die Mutter der Mumins : Bist du Schnupferich oder der Muminpapa?

Familiäre Verstrickungen auch jenseits der Mumins

Der Schnupferich jedenfalls wird gespiegelt in der Gestalt des gemütlichen Muminpapa, der – Familienvater und Hausbesitzer, der er nun ist – sich in seiner Hängematte nach den Abenteuern des Schnupferich sehnt und von seiner „wildbewegten Jugend“ (so der Titel eines weiteren Mumin-Romans) erzählt. Die Angst, dadurch den unmittelbaren Zugang zum Erlebten zu verlieren, hat er nicht – ganz anders als der Schnupferich. Und es scheint, als hätte Tove Jansson hier ganz bewusst zwei männliche Rollenmodelle gegeneinander gestellt, zwischen denen man sich wahrscheinlich von einem gewissen Alter an entscheiden muss. Um dann, hat man das eine erst einmal bewusst gewählt, vom anderen zu träumen.

Blick aus dem Spiegel: Das Selbstporträt entstand 1939.
Blick aus dem Spiegel: Das Selbstporträt entstand 1939. : Bild: www.urachhaus.de

Vor einigen Jahren sind die Mumin-Bücher in vorzüglicher neuer Übersetzung von Birgitta Kicherer im Arena-Verlag auf deutsch herausgekommen. Auch einige (nicht alle) der Bücher, die Tove Jansson seit den späten sechziger Jahren für ein erwachsenes Publikum geschrieben hat, sind in diesem Sommer, pünktlich zum heutigen hundertsten Geburtstag Janssons, in den Verlagen Lübbe und Urachhaus erschienen – allen voran das hinreißende Erinnerungsbuch „Die Tochter des Bildhauers“. Und auch Tuula Karjalainens Biographie der Künstlerin liegt seit kurzem bei Urachhaus vor.

Sie alle zeigen, wie sehr Tove Jansson auch jenseits der Mumins mit der Frage von familiären Verstrickungen beschäftigt war, wie abgründig ihre Befunde dazu sind und wie fragil die gezeichneten Bilder. Denn der schusselige, spontane, lebensfrohe Vater, wie er in „Die Tochter des Bildhauers“ erscheint, offenbart im selben Buch auch Seiten, die ihn zu einer Plage seiner Familie machen, der er sorglos Lasten aufbürdet, die kaum zu tragen sind.

Eine alte, unfassbar junge Frau im Wollpullover

Seit diesem Frühjahr zeigt nun auch eine Ausstellung in Helsinkis Prachtmuseum Ateneum“, wie sehr die eigene Familie das Werk Tove Janssons bestimmte. Zunächst, indem sie die Herkunft aus dem Künstlerhaushalt betont, was nicht nur dazu führte, dass das Mädchen schon früh in die entsprechenden Mal-, Zeichen- und Modelliertechniken eingeführt wurde, sondern auch zum Modell ihres Vaters etwa für eine Seejungfrauskulptur diente. Ihre Mutter, die als Grafikerin über lange Jahre wesentlich den Lebensunterhalt der Familie bestritt, malte sie als Indianerin. Und natürlich malte Tove Jansson sich selbst, immer wieder, in ganz unterschiedlichen Stilen, aber meist mit dem selben, spöttischen Blick, dem „Na wartet!“-Lächeln und gern auch einer Zigarette in der Hand.

Das letzte Selbstporträt entstand 1975.
Das letzte Selbstporträt entstand 1975. : Bild: Jari Kuusenaho

Ein Bild von 1942 zeigt die Familie: Im Vordergrund Tove Janssons Brüder beim Schachspiel, einer von ihnen trägt Uniform. Vater und Mutter in größtmöglicher Entfernung voneinander. Und im Zentrum die Malerin selbst, ganz in Schwarz und wie die anderen ernst und angespannt. Es ist Krieg, unübersehbar, und über allem steht die Frage, was diese Familie noch zusammenhält – eine Frage, die Tove Jansson angesichts des schwierigen Verhältnisses zu ihrem Vater auch jenseits dieses Bildes beschäftigte.

Sie selbst fand ihre längste und tiefste Bindung, so scheint es, als sie sich in die Künstlerin Pietilä Tuulikki verliebte. Die beiden blieben über fünfzig Jahre zusammen, bis zum Tod Tove Janssons im Jahr 2001. Eines der allerschönsten Exponate dieser Ausstellung ist ein kurzer Stummfilm, eigentlich ein Schnipsel. Er zeigt Tove Jansson wohl um 1970 tanzend auf der winzigen Insel, auf der das Paar die Sommermonate verbrachte, sehr wahrscheinlich aufgenommen von ihrer Freundin. Eine alte, unfassbar junge Frau im Wollpullover, strahlend und völlig furchtlos, tanzt schlenkernd, manchmal stolpernd, manchmal schlagen die Hacken aneinander, sie dreht sich und kommt ganz nah an die Kamera. Sie lacht. Und man gäbe einiges darum, wenn man ihre Musik hören könnte.

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