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Touristische Konzepte : Borat im Sauerland

Schmallenberg - so nennt sich ein Virus bei Tieren und eine Stadt in Westfalen. Kasachstan hingegen ist die Heimat von Filmfigur „Borat“. Und nun? Es gibt durchaus Gemeinsamkeiten.

          Auf den ersten Blick haben Kasachstan und das Sauerland nichts gemeinsam. Das eine ist eine Mittelgebirgsregion in Westfalen, das andere eine Republik in Zentralasien. Beide klagen zuweilen über gewisse Imageprobleme, aber der Vorwurf, der Sauerländer sei stur, wortkarg und Fremden gegenüber zugeknöpft, lässt sich bestimmt nicht mit jenen hässlichen Vorurteilen vergleichen, mit denen die Kasachen weltweit als restlos verkommenes Völkchen dargestellt wurden, korrupt, gewalttätig, dem fröhlichen Inzest wie der blutigen Jagd auf Minderheiten gleichermaßen hemmungslos zugetan.

          Doch seltsam: Kasachstan erlebt einen Tourismusboom, das Sauerland nicht. Über Kasachstan war zumindest für kurze Zeit auf Wikipedia zu lesen: „Größtes Land der Welt. Alle anderen Länder von kleinen Mädchen regiert.“ Über das Sauerland: nichts dergleichen. Kasachstan sorgt für Schlagzeilen, weil das Land heute zehnmal so viele Touristenvisa ausstellen kann wie früher, während man aus dem Sauerland rein gar nichts hört außer einer Meldung in der „Bild“-Zeitung über einen Jagdhund aus dem Regierungsbezirk Arnsberg, der sich trotz erstklassiger Ausbildung in ein Rehkitz verliebt hat.

          Sogar als ein Virus nach dem sauerländischen Städtchen Schmallenberg benannt wurde, scheiterten die Sauerländer mit ihren Versuchen, die Entdeckung dieses bis dahin unbekannten Virus im Blutkreislauf ihrer unbescholtenen Schmallenberger Kühe tourismusfördernd zu vermarkten. Kasachstan boomt, Schmallenberg bleibt mit seinem schönen neuen Virus mutterseelenallein. Irgendwie erinnern diese Sauerländer immer mehr an jene rumänischen Statisten, die in der weltweit erfolgreichen Filmsatire „Borat“ des britischen Komikers Sacha Baron Cohen über ein völlig verkommenes Kasachstan die völlig verkommenen Kasachen spielen mussten. Für einen Hungerlohn vermutlich. Und während sich der kasachische Außenminister jetzt ganz offiziell bei dem „Borat“-Darsteller Cohen für den unerwarteten Touristenzustrom bedankt hat, gucken rechtschaffene Rumänen und Sauerländer gemeinsam in die Röhre. Nichts läge näher, als diese Ungerechtigkeit der Macht des

          Kinos und den Mechanismen einer Medienwelt in die Schuhe zu schieben, die noch das übelste Image in die klingende Münze der Währung Aufmerksamkeit zu verwandeln weiß. Aber seien wir doch mal ehrlich: Wahrscheinlich ist er einfach nicht so auf Zack wie der kluge Kasache, dieser elende Sauerländer.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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