https://www.faz.net/-gqz-36bn

Tourismus : „Die Medien sind schuld“

  • Aktualisiert am

Es gibt noch Normalität: Alltag in Tel Aviv Bild: View4u/JacReyer

Auf der Tourismusbörse in Berlin werden sich auch Länder vorstellen, die als gefährliches Terrain gelten. Sie selbst sehen das meistens anders.

          2 Min.

          Einmal im Jahr findet in Berlin die größte Tourismusmesse der Welt, die ITB, statt. Dort präsentieren sich die Länder dieser Erde von ihrer besten Seite. Doch einige werden sich schwer tun, das Bild eines ungetrübten Reiselandes zu vermitteln. Nach dem 11. September hat die Zahl dieser Länder, die durch Terrorismus, Krieg oder Unruhen Schlagzeilen machen, noch einmal zugenommen.

          Vor einigen dieser Staaten warnen auch die Behörden: Die aktuellesten Fälle sind Haiti, Madagaskar, Tadschikistan, die Salomonen, Angola, Burundi, die Zentralafrikanische Republik, Afghanistan, Somalia, Kongo, Liberia. Für sie gelten eindeutige Reisewarnungen des deutschen Auswärtigen Amtes. Kolumbien, Jemen, Sri Lanka und Teile Indonesiens und einige andere Länder könnte man noch hinzunehmen.

          Kolumbien ist ein großes Land

          Doch so eindeutig die Gefahr erscheint: die betroffenen Staaten fühlen sich ungerecht beurteilt: So sagt die Repräsentantin des kolumbianischen Tourismusbüros, Graciella Leal, es gebe viele Gebiete, die ungefährlich seien: die Hauptstadt Bogotà oder Cartagena am karibischen Meer. „Kolumbien ist ein so großes Land. Es ist vier Mal so groß wie Spanien“, sagt sie. Und nur ein Teil des Landes sei gefährlich. Demgegenüber schreibt das Auswärtige Amt über Kolumbien kategorisch: „Jeder Reisende, sei es als Tourist oder zu beruflichen Zwecken, muss sich seiner Gefährdung bewusst sein.“

          Typisches Nachrichtenbild: Israelischer Panzer in Ramallah
          Typisches Nachrichtenbild: Israelischer Panzer in Ramallah : Bild: dpa

          Auch Israel fühlt sich ungerecht behandelt. Hier gibt sich das „Amt“ vorsichtiger: Es rät vor öffentlichen Verkehrsmitteln und vor Orten mit hohen Besucherzahlen ab und gibt noch einige andere Empfehlungen.

          „In Galiläa ist alles in Ordnung“

          „Wenn es das Fernsehen nicht gäbe, würde man gar nicht merken, dass es ein Problem gibt“, ließ sich unlängst ein Tourismus-Verantwortlicher in Israel vernehmen. Tatsächlich vermitteln die Medien gerade in Israel ein einseitiges Bild des Alltags. Man konnte bis vor kurzem auch inmitten der Intifada vierzehn Tage in Jerusalem oder Tel Aviv zubringen, ohne einmal einer Gefahr begegnet zu sein. Das aus dem Fernsehen bekannte Kampfgeschehen scheint weit weg oder zumindest dort stattzufinden, wo man nicht ist. Trotzdem würde kaum ein Israeli leugnen, dass er sich auch ohne die Fernsehbilder, allein durch das, was er weiß, von Anschlägen bedroht fühlt.

          Der Tourismus-Verantwortliche sagte auch: „Bei uns war der Tourist noch nie ein Ziel von Anschlägen, anders als beim ägyptischen Nachbarn.“ In Galiläa sei ohnehin alles in Ordnung. Kurz darauf wurde ein israelischer Bus in Galiläa angegriffen.

          Das Offensichtliche wird geleugnet

          Die Tourismus-Manager glauben, die Menschen überzeugen zu können, indem sie das Offensichtliche leugnen, es relativieren oder die Schuld bei anderen suchen. Doch diese Methode hat schon bei Politikern nicht funktioniert. Eine Folge war die allgemeine Politikverdrossenheit. Je mehr die Branche das Offensichtliche verneint, desto misstrauischer wird der Normalbürger.

          Dabei haben noch die Länder Glück, deren Ruf besser ist als die Realität: etwa die Dominikanische Republik, ein Land, in dem nach einer UN-Studie immer noch Sklaven arbeiten.

          In Wahrheit ist der Tourismus längst ein brauchbares und höchst sensibles Krisenbarometer geworden. Eine ideale Welt wäre die, die nur vom Tourismus leben würde. Ein Land, das Konflikte nicht zivil zu lösen vermag, wäre dann schnell pleite.

          Weitere Themen

          Die Flucht ins Leben

          Gran Canaria : Die Flucht ins Leben

          Gran Canaria ist ein sicheres Reiseziel. Das sagt sogar die Kanzlerin – und rät uns dringend davon ab hinzufahren. Wir haben es trotzdem getan – und können es nur wärmstens empfehlen.

          Topmeldungen

          Franziska Giffey: Möchte die Berliner mit dem Thema Innere Sicherheit überzeugen.

          Parteitag der Berliner SPD : Giffey will es wissen

          Auf dem ersten hybriden Parteitag der Berliner SPD wirbt die Bundesfamilienministerin für ihre Führungsrolle in der Hauptstadt. Zu ihrer Doktorarbeit sagt sie nichts. Nun kommt es darauf an, wie stark ihre Partei sie machen will.
          Ein AfD-Mitglied beim Landesparteitag der AfD Rheinland-Pfalz am vergangenen Wochenende

          Vor dem Parteitag : Die AfD trifft sich im Wunderland

          Rund 600 Delegierte wollen auf dem Gelände des einstigen Kernkraftwerks in Kalkar über ein Rentenkonzept debattieren – unter strikter Einhaltung der Maskenpflicht, sonst droht ein Abbruch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.