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Top-Rezensenten : Man benutzt Amazon und wird benutzt

„Da toben sich lauter Verrückte aus“, sagt ein Amazon-Rezensent, der lieber anonym bleiben möchte

In der deutschen Amazon-Zentrale in München sagt Kathrin Schmitz: „Ob eine Rezension positiv oder negativ ist, spielt beim Ranking keine Rolle.“ Die Anzahl der abgegebenen Rezensionen, die Aktualität und vor allem Qualität und Nützlichkeit seien entscheidend, also das, was Amazon-Kunden dafür halten. Darauf nehme das Unternehmen genauso wenig Einfluss wie auf die Rezensenten. Einzig persönliche Beleidigungen, politisch extremistische Äußerungen und Obszönitäten lösche man. „Amazon hat nie direkten Druck auf mich ausgeübt und keine Rezension von mir umgeschrieben“, sagt Thorsten Wiedau.

Doch das System sei nicht die Plattform für freien Meinungsaustausch, als das es sich darstelle. Der Button „nicht hilfreich“ ist der Hebel, Allzumenschliches der Punkt, an dem er ansetzt: Rezensenten wollen gefallen, mit Argwohn blicken viele auf ihre Konkurrenten. Neben dem eigenen Namen die Plakette „Hall of Fame“ zu sehen - eine „lebenslange Auszeichnung“, wie Amazon versichert -, scheint eine starke Motivation zu sein. Wiedau erzählt, es herrsche ein einziges Hauen und Stechen um die Spitzenplätze.

Die Hobbykritiker sind wichtige Multiplikatoren

“Da toben sich lauter Verrückte aus“, sagt auch ein aktueller Spitzen-Rezensent, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Und der Konzern tut nichts dagegen.“ Wer keine fünf Sterne verteile, riskiere einen „shit storm“ von Beschimpfungen, unter den Top Ten sei es gang und gäbe, sich gegenseitig „abzuklicken“, also massenhaft negativ zu bewerten. Das gehe, wenn man verschiedene Accounts benutze oder zwischendurch immer mal wieder etwas als hilfreich bewerte. Manche verkauften die Rezensionsexemplare, vor denen man sich als Top-Kritiker ja nicht mehr retten könne, unter anderem Namen weiter. Lesesucht scheint bei den Amazon-Rezensenten ganz eigene Dimensionen anzunehmen.

Ihren Stoff bekommen die Hobbykritiker von den Verlagen. Amazon ist einer ihrer größten Kunden, die Hobbykritiker sind wichtige Multiplikatoren. „Amazon-Rezensenten werden von uns ernst genommen“, sagt Martin Spieles von den S. Fischer Verlagen. Man schaue sich an, was jemand geschrieben habe, bevor man Freiexemplare verschicke, doch grundsätzlich behandele man die Online-Rezensenten genauso wie Journalisten. „Das Ranking spielt für uns keine entscheidende Rolle“, sagt Spieles.

Doch nur wer viel schreibt und oben steht, wird viel gelesen - und kurbelt den Verkauf mit Fünf-Sterne-Rezensionen an. Auch die Verlage profitieren davon. Ein „klügeres Anreizsystem“ wünscht sich dennoch Markus Desaga von Random House, der Online-Rezensenten grundsätzlich positiv gegenübersteht. „Aber so führt sich das System irgendwann ad absurdum“, fürchtet er. Wenn alles großartig sei, sei auch alles einerlei.

Sein Kritikerdasein hat Thorsten Wiedau eine Bibliothek eingebracht, Amazon hat ihm jahrelang eine Bühne geboten, ohne dass er Aufwand für einen Literatur-Blog hätte betreiben müssen. Ist das kein fairer Tausch gegen Rezensionen? Für Wiedau nicht. „Man benutzt Amazon und wird benutzt“, sagt er, aber das System treibe Rezensenten in den Selbstbetrug, das treffe auch den Kunden. In Zukunft will der Hamburger nur noch lesen, nicht mehr schreiben.

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