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Tonträger : Zwischen den Stühlen: „In Our Gun“ von der Liverpooler Band Gomez

  • -Aktualisiert am

Rockmusik ohne Scheuklappen: Gomez Bild: Virgin Records

Auf ihrem Album „In Our Gun“ zeigen sich Gomez als virtuose Rockmusiker mit Mut zum Experiment und einer Schwäche für Ausflüge in die Elektronik.

          2 Min.

          Attestiert man jungen, aufstrebenden Musikern allzu früh genialische Fähigkeiten, bringt man sie damit nicht selten in Bedrängnis. Das helle Scheinwerferlicht wird schnell zum Blender des Realitätssinns, Jubel und Rock'n'Roll-Lifestyle zum Katalysator für Selbstüberschätzung. Gerät dann die einst wie von selbst sprudelnde Kreativität beim Komponieren ins Stocken, kann der von außen wirkende Druck auf die Jungstars unerträglich werden.

          Auch auf Gomez' Schultern lasteten 1999 große Erwartungen. Ihr ein Jahr zuvor erschienenes Debütalbum „Bring It On“ wurde auf beiden Seiten des Atlantiks mächtig gelobt. Während das Liverpooler Quintett noch amüsiert die Anekdote erzählte, wie eines Tages 20 A&R-Manager um ihre Demos buhlten, erhielten sie auch noch den renommierten englischen Mercury Music Prize.

          Grundvoraussetzung: Mut zum Experiment

          Doch Gomez verfielen nicht in Panik. 1999 widerlegte der Nachfolger „Liquid Skin“ auf unprätentiöse Art das Vorurteil des Britpop-One-Hit-Wonders. Dabei schienen Gomez ohnehin nie so recht in diese Schublade zu passen: Ihre rigide Annäherung an bluesigen Rock und die Verschmelzung mit modernen Sounds verortete man eher in Amerika als in der Heimat der berühmtesten englischen Band.

          Gomez: „In Our Gun” (Cover)

          Jetzt bringen Gomez erneut zusammen, was eigentlich nicht zusammen gehört. „Shot Shot“, die erste Single-Auskopplung des neuen Albums „In Our Gun“, ist ein schnörkelloser Rocksong, für dessen Refrain-Groove ein hektisches Saxophon, computergesteuerte Beats und versteckte Blechbläser sorgen. Virtuosität als Maxime, Mut zum Experiment als Grundvoraussetzung. Gomez zwingen dem Hörer ein Verwirrspiel auf, fordern mit allen verfügbaren Mitteln Aufmerksamkeit. Und tatsächlich finden die atmosphärischen Wechsel nach mehrmaligem Hören immer besser zueinander. Dass sich die drei Sänger der Band häufiger am Mikro abwechseln als früher, unterstützt die musikalische Vielseitigkeit.

          Groovende Kopfarbeit

          Melancholische Hits - „Sound Of Sounds“, „Miles End“ - schütteln die Briten nach wie vor lässig aus dem Gitarrenhals. Viel interessanter gestalten sich aber die elektronischen Ansätze auf „In Our Gun“. „Rex Kramer“ bewegt sich loop- und sample-gesteuert nach vorne, einzig die stimmliche Assoziation mit dem präsenten Bariton des Pearl-Jam-Sängers Eddie Vedder lenkt vom Hörgenuss ab. Ein großer Moment wird bei „Ruff Stuff“ erreicht: ruckartig akzentuieren Akustikgitarren und Computerbeats den monoton gehaltenen Sprechgesang, bevor im Refrain eine opulente fernöstliche Melodieschleife hereinbricht. Mit dem „Army Dub“ haben Gomez einen sphärischen Krautrock-Brocken geschaffen, der mit schleppendem Groove, Echo-Spielereien (Dub!) und monotonem Gesang begeistert.

          Der Titelsong ist vielleicht das gelungenste Stück, weil es mit der verrücktesten Idee ausgestattet ist. Über drei Minuten lang zelebrieren die drei Gomez-Stimmen harmonischen Schönklang über einer zarten Akustikballade, bis ein roh wütender Basslauf und eine anschließende Sample-Beat-Orgie den Song völlig über die Ufer treten lassen. Mit ihrem dritten Album sitzen die Liverpooler wieder zielsicher zwischen allen Stühlen und rebellieren gegen soundspezifische Konformität.

          Der frühe Erfolg scheint sich bei Gomez vor allem in der kindlichen Freude zu kanalisieren, in teuren Aufnahmestudios mit allerlei technischem Gerät zu hantieren. Mit „In Our Gun“ beweisen sie, dass das Ergebnis solcher Sessions nicht zwangsläufig überladen klingen muss. Sie präsentieren groovende Kopfarbeit.

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