https://www.faz.net/-gqz-36fd

Tonträger : Taylor Savvys bittersüße Revue elektronischer Tanzmusik

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: "Trying To Find My Baby" von Taylor Savvy Bild: kitty yo

Der elektronische Entertainer Taylor Savvy jongliert auf seinem Debütalbum virtuos mit den Klischees der Pop- und Rockgeschichte.

          2 Min.

          Das Cover von "Ladies & Gentleman" lässt eine abgeschmackte Nostalgie-Tour befürchten: Man sieht zwei Paar altertümlich-glamourös gekleidete Beine (ein Paar männliche, das andere weiblich), die sich bei einer Tanzstunde anzunähern scheinen. Swing-Revival, Easy Listening aber auch der feucht-fröhliche Bubblegum-Pop der sechziger Jahre schießen einem als Referenzen durch den Kopf.

          Doch weit gefehlt: Zwar ist "Ladies & Gentleman" schon auch ein sentimentaler Kommentar zu längst verflossenen Momenten der Pop- und Rockgeschichte. Dennoch klingt das Album betörend zeitgenössisch und up-to-date.

          Musik des Als-Ob

          Taylor Savvy jongliert mit allen Klischees, die Pop und Rock bereit stellen. Virtuos, manchmal bis an die Grenze der Peinlichkeit, spielt er das Register u-musikalischer Sprach- und Ausdrucksregeln durch: Sei es die pathetische Anbetung einer Geliebten ("I Wanna Be Your Man"), die verträumte Suche nach Erfüllung ("Trying To Find My Baby"), das Rausschreien der innersten Befindlichkeiten ("Indonesia"), die impertinent vorgetragene Aufforderung an ein anonymes Kollektiv, sich doch zu amüsieren ("Everybody Party") oder die narzistisch-närrische Angeberpose des Entertainers ("The Savvy Show").

          Taylor Savvy: „Ladies & Gentleman” (Cover)

          Doch ähnlich wie bei den legendären Roxy Music haftet Savvys Ausdruck stets etwas Uneigentliches und Künstliches an. Es geht hier nicht um die authentische Wiederbelebung eines Vergangenen, sondern um dessen zeitgemäße Aneignung und Verfremdung.

          Wenn die Gitarre mit der Computermaus

          So vermengt Taylor Savvy die historischen Codes frech mit gängigen Gegenwartsstilen: Von HipHop bis House, von Drum'n'Bass bis TripHop, von Techno bis Britpop kommt hier zusammen, was (angeblich) nicht zusammengehört.

          Für Veröffentlichungen des angesehenen Berliner Klein-Labels "Kitty-yo" sind solche Grenzüberschreitungen jedoch durchaus typisch. Die meisten der dort vertretenen Künstler und Bands bewegen sich im Grenzbereich zwischen Analog und Digital, Gitarre und Computermaus. Ein namhaftes Beispiel der letzten Zeit ist die Hamburger Band Kante.

          Ironie & Verzweiflung

          Der einladende CD-Titel ist also kein leeres Versprechen; tatsächlich handelt es sich bei "Ladies & Gentleman" um eine Art musikalische Revue oder genauer: um ein burleskes Klang-Spektakel, das nicht nur Eingeweihte vergnügen dürfte. Doch bei aller Freude am Spaß: Zwischen den Tönen und Zeilen der sechzehn Stücke scheint stets die Tragik der Unmöglichkeit absoluter Ernsthaftigkeit, ja das Leiden am gesellschaftlichen Zwang zur Ironie auf.

          Jedoch kommuniziert Taylor Savvy diese Ahnung nicht verbal, sondern mit subtilen klanglichen Mitteln: Düster, oft sentimental dröhnen die Bässe, traurige Melodien fräsen sich hinterlistig ins (Unter-)Bewusstsein des Hörers, und schmachtende Streicherpassagen verweisen auf emotionale Abgründe. So fröhlich diese CD von Außen ausschaut und so plakativ sie über weite Strecken groovt und schwingt - ganz tief in ihr drin macht sich eine unverhohlene Trauer bemerkbar. Allerdings muss man schon genau hinhören, um diese feinen Spuren der Verzweiflung aufzuspüren.

          Weitere Themen

          Wörter sind nichts Festes

          Yasmina Reza im Gespräch : Wörter sind nichts Festes

          Sprache als Heimat, Übersetzungen als Tragödie, eine Frauenrolle für einen Mann: Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza hat einen neuen Monolog geschrieben – „Anne-Marie die Schönheit“

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Yasmina Reza

          Yasmina Reza im Gespräch : Wörter sind nichts Festes

          Sprache als Heimat, Übersetzungen als Tragödie, eine Frauenrolle für einen Mann: Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza hat einen neuen Monolog geschrieben – „Anne-Marie die Schönheit“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.