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Tonträger : Süße Oberfläche und Bitteres dahinter: Elektronische Musik von Wechsel Garland

  • -Aktualisiert am

Wechsel Garland: „Liberation Von History” (Cover) Bild: Karaoke Kalk

Unter dem Namen Wechsel Garland veröffentlicht Jörg Follert ein Album mit vielschichtiger, melodiöser elektronischer Musik.

          2 Min.

          Was ist das wohl für eine Befreiung, diese "Liberation Von History"? Welche Geschichte plagt den Kölner Musiker Jörg Follert alias Wechsel Garland bloß, dass er im Titel seines neuen Albums die Tabula Rasa verkündet?

          Nun, der historische Ballast trägt den Namen "Wunder". Unter diesem Pseudonym veröffentlichte Follert 1998 eine bezaubernde CD, die ihn bekannt machte, ihm zugleich aber allerlei Klischees eintrug: niedlich und süßlich sei seine Musik, die Inkarnation absoluter Schönheit. Nur weil da jemand elektronische Musik nicht für experimentelle Geräusche benutzte, sondern als Entfaltungsraum für Harmonien und Melodien verstand, wurde er zum romantischen Kuscheltier verklärt und von entsprechenden Erwartungshaltungen in die Enge getrieben.

          Schönheit mit Störfällen

          Diese Zuschreibungen will Follert nun loswerden. "Liberation von History" ist die zweite CD, die er unter dem kryptischen Namen Wechsel Garland veröffentlicht. Und es gelingt Follert tatsächlich, der Niedlichkeitsfalle zu entkommen. Eigenartig, versonnen und mitunter befremdend collagenhaft klingen seine neun neuen Songs.

          Dub-Reggae als rhythmisch prägender Stil, Minimal Music und klassische Streicher verweben sich hier auf preziöse aber nie prätentiöse Weise. Momente der Konzentration wechseln mit Phasen der Zerstreuung. Zwar entsteht - wie einst bei Wunder - eine verzückende Schönheit, diese wird aber immer wieder durch Unvorhergesehenes gestört, etwa einen dröhnenden Bass, elektronische Frequenzen oder unerwartete Perkussionspassagen.

          Melancholischer Spaziergang an der Seine

          An anderen Stellen taucht plötzlich ein süßlicher Frauengesang auf, dann wird kurz eine moderate Techno-Bassdrum angedeutet. Neben Gastmusikern bringt Jörg Follert dabei auch ungewöhnliche Instrumente wie Kastagnetten und Akkordeon zum Einsatz. Ein traurig frankophil tönendes Stück mit dem unpassenden Schauertitel "Verbluten" lässt den Hörer gedanklich an der Pariser Seine spazierengehen - und erfüllt ihn dabei mit einer unerklärlichen Melancholie. Mit eigenwilliger Delikatesse und mit einem einzigartigen Gespür für winzige Stimmungsschwankungen fügt Follert verschiedenste Elemente in den über allem schwebenden Dubreggae-Vibe ein.

          Argwöhnisch betrachtet ließe sich das Resultat als Easy Listening bezeichnen. Hinter der wattig weichen Oberfläche lauern jedoch emotionale Tiefen, die einem an die Nieren gehen können. Der Grund: "Liberation Von History" blendet mehrere Ebenen ineinander, schwankt zwischen "easy" und schwer, zwischen süß und bitter.

          Sensibilité Digitale

          Eines verdeutlicht "Liberation Von History" abermals: Es ist Follerts besondere Sensibilität, die ihn zu einer Ausnahmeerscheinung im Bereich melodiöser Elektronikmusik macht. Dass er die Samples und eingespielten Instrumental- und Gesangspassagen am aseptischen Computerbildschirm zusammengebaut hat, hört man seiner gefühlsdichten Musik nicht an.

          Vielleicht ließe sich Follerts Vermögen gar als eine 'Sensibilité Digitale' begreifen, als eine Empfindsamkeit des Digitalen: "Empfindsamkeit", so steht es in der Enzyklopädie der französischen Aufklärer, "das ist eine zarte und feine Veranlagung der Seele, die sie leicht erregbar und gerührt macht." Selbst da, wo er nur abstrakte Datenkolonnen bearbeitet, vermag Follert einzigartige Gefühle hervorzurufen. Das Panorama von Klängen, das dabei entsteht, hat altehrwürdige Bezugnahmen allemal verdient. Und viele sensible, sehnsuchtsvolle und vor allem unvoreingenommene Hörer. Denn es gibt viel zu entdecken hinter der schön schillernden Oberfläche von Wechsel Garland.

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