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Tonträger : „Shameless“: Elektro-Entertainer Gonzales singt und siegt

Hörprobe: "You Snooze, You Lose" von Gonzales Bild: Hadley Hudson / Kitty-Yo

Auf seiner dritten CD „Presidential Suite“ macht Elektro-Entertainer Gonzales die Pose zum zentralen Thema.

          2 Min.

          Gonzales ist ein Mann der vielen Namen. „Call me Santa Claus Kinski“, fordert er in einem Stück seiner eben veröffentlichten dritten CD „Presidential Suite“. Auch als „Dr Jekyll and Mr. Pride“ sei er bekannt, als „Chilly Chaplin“.

          Mit „Aka“, der in Clubmusik-Kreisen gängigen Abkürzung für also known as - „bekannt auch unter dem Namen“ -, bietet der in Berlin lebende Franko-Kanadier schließlich den Hinweis auf ein Pseudonym als Pseudonym selbst an. Und so funktioniert auch seine Musik.

          Entgleisung

          Ob er sich im Safari-Outfit präsentiert, im weißen Zweiteiler mit breitem Kragen und dickem Schlips, im ballonseidenen Trainingsanzug oder mit aufgeknöpftem Hemd, das den Blick auf Brusthaar mit Goldkette freigibt: Stets inszeniert sich Gonzales als Grenzgänger des guten Geschmacks, stellt die Pose der dicken Hose aus. Ob als Pascha oder als Entertainer: Das zentrale Image-Moment des selbst ernannten „King of Berlin Underground“ ist eine gewisse Schmierigkeit. Aber das ist noch nicht alles. Und so funktioniert auch seine Musik.

          Gonzales: „Presidential Suite” (Cover)

          Der Mann ist sich für nichts zu schade und für nichts zu schön. Auf eine breiteste HipHop-Nummer, in der Gonzales die Old-School-Machismen der Gangstarr-Rapper bis in die Stöhn-, Kumpel- und Grunzgeräusche nachvollzieht, folgt eine Melodika- und Heimorgel-getragene Variante von „Spanish Eyes“, in denen er „Spanish“ durch „Shameless“ ersetzt, sich der Elektro-Entertainer also nicht als Exot, sondern von einer bekannten Gastsängerin als Gaffer besingen lässt.

          Führungsanspruch

          Die Musik des Größenwahnsinnigen ist sperrig. Ob er seinen seltsamen Gesängen fette Beats unterschnallt oder zarte Zwischenspiele in seine Stücke flötet, ob er das Gesten- und Floskel-Repertoire von Soul oder HipHop plündert oder Mozarts Zeitgenossen Salieri dreist beklaut und auch noch verhöhnt (“Salieri, the king of shame / Most art ain't Mozart“): Gonzales erzeugt einen musikalischen Magnetismus, der kurz vor der Begeisterung von Anziehung auf Abstoßung schaltet und umgekehrt. Die Musik ist abstoßend banal und attraktiv brüchig, die schmierige Pose vor wechselndem Hintergrund hat noch dazu etwas Rührendes.

          „Lifestyle magazine readership / Don't believe in shit / They need leadership“, textet Gonzales kühn, und wessen Führungsqualität hier angesprochen wird, ist klar: Hier ist einer gekommen, um - wenn er schon nicht gleich die ganze Welt - doch wenigstens die laufende Party rettet. Die Rettungsbotschaft durchzieht als Kontinuum die meisten der 15 Stücke auf „Presidential Suite“: Gonzales verlangt eine radikale Entäußerung, die den nächsten Tanz genauso betreffen kann wie das Leben an sich.

          Eine Pose ist eine Pose ist eine Pose

          „Gonzales verschwendet sich“, hat einmal jemand bemerkt. Recht hatte er. Die Gesten der Popfigur Gonzales sind die eines Mannes, der vor Kraft kaum gehen kann. Sie wirken zugleich so entschlossen und so verfehlt, so gebrochen, dass ihr Inhalt ihnen entgleitet. Die Pose - ob im Auftritt, im Text oder in der Musik - bezeichnet nicht mehr als sich selbst.

          Für eine solche Haltung ist jeder einzelne Künstlername zu wenig. Dass Gonzales, Gonzo, Chilly Chaplin, Santa Claus Kinski, Dr Jekyll & Mr. Pride die Gesamtheit seiner Images unter dem Pseudonym Aka subsumiert, entspricht der Rafinesse von „Presidential Suite“.

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