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Tonträger : „Kissin' Time“ - musikalische Halbporträts von Marianne Faithfull

In bester Begleitung: Marianne Faithfull Bild: Virgin Records

Neu im Plattenladen: Sixties-Ikone Marianne Faithfull hat viel Prominenz zu musikalischen Halbporträts geladen. Das Ergebnis ist gegenwärtig.

          2 Min.

          Marianne Faithfull? Da war doch was. Die Sängerin selbst hat es einmal so erzählt: „Ich hätte mit 19 eine Menge gesündere Dinge tun können, als ausgerechnet Mick Jaggers Geliebte zu werden.“ Hat sie aber nicht. Auf jeden Fall ist das nicht überliefert.

          Das war 1965, zu einer Zeit, als der Rolling-Stones-Frontmann für seine Geliebten noch Songs geschrieben hat, anstatt ihnen später schlicht die Alimente zu überweisen. Für Marianne gab es „As Tears Go By“, ihren ersten frühen Hit. Dann ist noch eine ganze Menge passiert im Leben der Pop-Ikone. Man hört das, wenn sie singt. Jetzt hat die 56-Jährige ein neues Album veröffentlicht. Es heißt „Kissin' Time“ und spielt entspannt und gekonnt mit der Vergangenheit. Mehr noch und besser noch: Es spielt zugleich mit der Gegenwart.

          Musikalische Porträts von Beck, Blur und anderen

          Doch zunächst noch etwas Pflichtprogramm aus dem Faithfullschen Referenzen-Vorrat: Nicht einmal die Klosterschule fehlt in der Biografie der Sängerin, ihre Ahnengalerie schmückt mütterlicherseits der Name Sacher-Masoch, jenes alt-österreichische Adelsgeschlecht, dem auch der unfreiwillige Namensgeber des Masochismus entstammt. In den 70er Jahren lebte Faithfull in Kellerwohnungen oder als registrierte Heroinabhängige auf der Straße.

          Marianne Fiathfull: „Kissin' Time” (Cover)

          Das musste einmal gesagt werden. Und wird natürlich immer wieder gesagt. Für Faithfulls musikalische Gegenwart hat es zwei Konsequenzen: Zum einen klingt die Stimme der Erfahrungsreichen ungemein - erfahren. Und zum anderen hat nicht nur ihre Stimme, sondern auch ihr Name Klang. Und das mag der Grande Dame erleichtert haben, für ihr neues Album Leute wie Dave Stewart von den Eurythmics, Jarvis Cocker von Pulp, den extravaganten Beck oder die britische Band Blur zum Mitspielen zu gewinnen.

          Eigenwillige Stimme in wechselnder Kulisse

          Deren Sänger Damon Albarn hatte jüngst mit den Kunstfiguren einer Comic-Band namens Gorillaz beträchtlichen Erfolg. Ein Projekt, das man getrost als Ausbruch aus den eingefahrenen Erwartungs- und Erfüllungsmustern des Britpop in Richtung große Pose mit ironischer Brechung werten kann. Und irgendwie klingt auch der Titelsong des Faithfull-Albums nach den Gorillaz. Das steht der Stimme Faithfulls durchaus gut.

          Brüchig, rau und dunkel, dabei aber nicht stumpf trägt sie durch das Lied und steht dabei in einem interessanten Kontrast zu dem Gorillaz-typischen Falsett-Gesang der Begleitstimme. Faithfulls Stimme passt auch gut zu dem aus Elektro-Phrasen collagierten Stück „Sex with Strangers“ oder der Folk-Nummer „Like Being Born“, die dadurch eine Wendung ins Abgründige erfährt. Wie diese beiden, wirkt auch der dritte Beitrag von Beck, „Nobody's Fault“, in seiner wohlkalkulierten musikalischen Grobheit der Faithfull wie auf den Leib geschrieben.

          Und so geht es weiter. Die Stücke sind stilistisch abwechslungsreich und eigenwillig. Was sie verbindet, ist die - abwechslungsreiche und eigenwillige - Stimme der Faithfull.

          Zwischen Gerücht, Geständnis und Gegenwart

          „Tell me it is nobody's fault but my own“, singt sie. Ein anderes Mal: „I am a muse, not a mistress, not a whore.“ Und das ist das zweite verbindende Merkmal der meisten Songs: Marianne Faithfull stellt sich spielerisch den eigenen Referenzen - einer Zeit, für die sie steht, und einer Vergangenheit zwischen Geschichte, Gerücht und Geständnis, aus der es wohl auch in der Gegenwart kein Entrinnen gibt. Allerdings liefert sie sich den Klischees dieser Assoziationen nicht aus, weder in ihren Texten noch musikalisch.

          Das ist das eigentlich Spannende dieses Albums, ein Zwiespalt, der für die zehn Stücke auf „Kissin' Time“ ebenso gilt, wie für deren Sängerin. Sie haben einen - sagen wir: - geschichtlichen Reiz und sind dennoch gegenwärtig. Alle - die Gastmusiker und -komponisten der jüngeren Generation wie Faithfull selbst - wissen um die Projektionen auf den „so genannten Popstar“ (Faithfull über Faithfull) und bleiben davon stilistisch unbeeindruckt. Das macht „Kissin' Time“ zu einem beeindruckenden Album.

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