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Tonträger : Kissenschlacht im Zeichenwald: Neues von Tocotronic

Hörprobe: "This Boy Is Tocotronic" Bild:

Den Titel ihres neuen Albums wählte das Hamburger Trio Tocotronic auffällig einfallslos. Dennoch steckt es voller guter Ideen.

          2 Min.

          „Das Geschehen lässt uns auseinandergehen“, singt Dirk von Lotzow auf der neuen CD seiner Band Tocotronic, „hinein in einen Wald aus Zeichen“. Und weil nicht nur die Fangemeinde des Hamburger Trios nach kolportierten eineinhalb Jahren Studioarbeit auf ein neues Zeichen ihrer Helden wartet, sondern auch die Kritik wie selten sonst bereit ist, die Äußerungen dieser Band als Zeichen zu nehmen, hier gleich noch zwei, drei vorweg:

          Das neue Album der Band mit Punkrock-Wurzeln beginnt mit einem entschlossenen „Ja“. Ihre sechste Platte trägt erstmals auch den Namen der Band und damit der Selbstbezüglichkeit noch nicht genug: „Ein Scherz“, singen Tocotronic im ersten Song „This Boy Is Tocotronic“, „ein Scherz im Labyrinth der Unvernunft macht uns gesund.“ Und später: „Du liegst neben mir und dann / blicken wir uns an / deine Augen sehen / was meine Augen sehen.“

          Ja

          Musikalisch ist Tocotronic ausgefuchster geworden, die Texte der Band klangen schon immer aufgeweckt und abgeklärt. 1994 titelte die frisch gefundene Band „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ und hatte damit einen Slogan jugendlicher Sehnsucht, Vergeblichkeit und Ironie geprägt.

          Tocotronic: „Tocotronic” (Cover)

          Das ist lange her, und schon werden Stimmen laut, die das aktuelle sechste Studioalbum der Band ein „Alterswerk“ nennen. Die Welt werde ihnen, sagen die drei gerade einmal Dreißigjährigen in einem Interview, „mit dem Alter eher unklarer. Das treibt einen in Richtung Optimismus. Dass man nicht mehr wie in der frühen Jugend meint, alles durchschaut zu haben und Sachen anprangern muss, das ergibt eine gewisse Gelassenheit.“

          Labyrinth der Unvernunft

          Das Schöne bei der tocotronischen Alterweisheit: Sie wirkt nicht zahnlos, sondern rettet die kurzsichtige Abgeklärtheit der Jugend in die gesunde Unvernunft der Gegenwart. Slogans, die wahlweise auf T-Shirts oder Häuserwände passen, liefern die drei nicht mehr. Ideenlos sind sie deshalb noch lange nicht. Hintergründig, verrätselt, auch mal unklar wirken ihre Texte, die zwischen konkreter Bildsprache und Abstraktion changieren.

          Aus einem Gesicht, das der Sänger in der Maserung eines Holzes sieht, kommt von Lotzow auf Muster, es geht um Bilder, Zeichen, Dimensionen, Banales wird mit Unbestimmtem kombiniert, Futurismen mit Fantastischem. „Die Wolke der Unwissenheit“, hat Tocotronic erkannt, „wird für immer bei uns sein“. Diese Gewissheit trägt durch die 13 Stücke der CD.

          Selbstbezüglichkeit, Fremdbezüglichkeit

          Musikalisch allerdings haben Dirk von Lotzow, Jan Müller und Arne Zank in Tobias Levin Verstärkung gefunden. Dem Betreiber des Hamburger Studios „Electric Avenue“, der auch etwa das Album „Zweilicht“ für die Band Kante produzierte, ist es wohl zuzuschreiben, dass die Tocotronic-Stücke ausgefeilt und anspielungsreich arrangiert und instrumentiert sind, dass sich die Stimme von Lotzows im passenden Abstand zur Musik mal entspannt gegen Gitarre, Bass, Schlagzeug lehnt, mal unerwartet füllig wirkt, dann wieder beiläufig, vor sich hin gesungen oder beinahe gesprochen.

          Der Selbstbezüglichkeit, mit der nicht nur der Titel des Albums und der Text der ersten Single-Auskopplung „This Boy Is Tocotronic“ spielt, findet in einer umfangreichen Reihung musikalischer Referenzen ihr Gegengewicht. Anspielungen in Form feiner Einspielungen von Techno- und House-Samples, Erinnerungen an die Musik von Prefab Sprout oder Roxy Music, Assoziationen großer Popsänger wie Robert Wyatt oder Paddy McAloon.

          Wald aus Zeichen

          Das Versponnene mancher Stücke wird durch Motive aus dem Videoclip zu „This Boy Is Tocotronic“ veranschaulicht, in dem ohne textlichen Bezug Märchen- und Kindheitsmotive mit Surrealem gekoppelt werden, das verwunschene Schloss im Wald, das Gemälde an der Wand, das zum Leben erwacht, eine Kissenschlacht, nach der es Daunen, Blütenblätter, Flocken schneit. Das muss sich nicht erschließen, um zu wirken. Und es wirkt.

          Das Geschehen im Vorfeld der CD ließ Tocotronic, anders als besungen, nicht etwa auseinandergehen. Vielmehr wirkt das Album schlüssig und geschlossen, zugleich leicht und konzentriert. Oder, mit einer Liedzeile aus „Dringlichkeit besteht immer“: „Volle Gönnung“.

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