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Tonträger : Hintersinnig statt gefällig: Remixes von Matthew Herbert

Hörprobe: "Street Lullaby" von Two Banks Of Four im Remix von Herbert Bild: !K7

Neu im Plattenladen: Der gefragte britische Produzent Matthew Herbert veröffentlicht eine Sammlung seiner jüngsten Remixes, „Secondhand Sounds“.

          2 Min.

          Matthew Herbert ist ein umtriebiger Musiker. Der Londoner DJ und Produzent nennt sich Doctor Rockit, wenn er jazz-orientierte elektronische Musik einspielt, er veröffentlicht als Radioboy und Wishmountain seine Techno-Arbeiten und zeichnet seine House-Produktionen schlicht mit Herbert.

          Unter diesem Namen ist jetzt auch eine Doppel-CD mit Remixes des Klangkünstlers erschienen. Die Werkschau heißt „Secondhand Sounds“ und versammelt neben sechs Variationen eigener Arbeiten Remixes von Nils Petter Molvaer und Moloko, Two Banks Of Four und Motorbass, Louie Austen und Serge Gainsbourgh.

          Eigenwillig

          Matthew Herbert legt Wert auf Originalität. Musik anderer Leute zweitzuverwerten, kommt für ihn nicht in Frage. Zu sein Prinzipien gehört auch, Zufälle willkommen zu heißen: Geräusche, die zufällig während der Aufnahmen auftreten, werden nicht gelöscht.

          „Secondhand Sounds: Herbert Remixes” (Cover)

          Beide Prinzipien sind unüblich in der elektronischen Musik und zeigen Matthew Herbert als eigenwilligen Künstler. Dass er die Remix-Sammlung „Secondhand Sounds“ nennt, ist nur konsequent. In den neuen CDs werden die sonst von ihm verschmähten Samples aus anderer Leute Musik zum Ausgangsmaterial der Arbeit, und dass das der Originalität keinen Abbruch tun muss, belegt das Doppel-Album eindrucksvoll.

          Widerständig

          „Street Lullaby“ heißt eine im Original angenehm jazzig geratene Trip-Hop-Nummer des Londoner Duos Two Banks Of Four, das sich allerdings in gefährlicher Nähe zu Timbre und Textur einiger Stücke von Sade bewegt. Im „Herbert Gutter Dub“ genannten Remix auf „Secondhand Sounds“ muss sich die Klavier-Figur aus dem pedalgedämpften Klang befreien und entfalten, und nicht einmal beim Einsatz von Streicherwänden und bei schmeichelnden Einwürfen eines Sopransaxophons gibt Herbert den Widerstand gegen das Schmiegsam-Schmusige des Pop-Jazz oder die entrückt-gedämpften Grooves des Trip-Hop auf.

          Im Gegenteil: Herbert zerstückelt die Schlagzeugspur soweit, dass sie als karstiger Untergrund das „Street Lullaby“ nicht zur Ruhe kommen lässt. Die Jazz-Referenz bleibt erhalten. Der Groove trägt, er ist sogar tanzbar - und bleibt dennoch mechanisch-abstrakt. Die Schlagzeugspur hat Matthew Herbert zweidimensional angelegt, den Gesang hingegen in einen Klangraum gestellt. Mal wirkt die Stimme wie aus unmittelbarer Nähe, mal wie weit entfernt.

          Vieldeutig

          Auf „Secondhand Sounds“ finden sich Stücke wie „Herbert's Tasteful Dub“ zu Molokos „Sing It Back“ beispielsweise, längst ein Klassiker avancierter Clubmusik, der „We Mix“ zu dem schlicht-schönen Klavier-Gesang-Duo „Merciful“ von Nils Petter Molvaer und Sidsel Endresen oder Herberts Tribut an Serge Gainsbourgh, der „Fred & Ginger Mix“ des Klassikers „Bonnie & Clyde“.

          Was die Stücke verbindet und die „Secondhand Sounds“ zu einer spannenden Remix-Werkschau macht: Die Sammlung zeigt - bei aller Ideen-Vielfalt - das ästhetische Konzept des britischen Produzenten: Statt eine Dimension des Originals - seine Tanzbarkeit, seine Vertracktheit - zu betonen und damit den Remix zu verflachen, verkantet Matthew Herbert die Stücke in sich selbst. Statt deren Schale zu polieren, bricht er die Stücke auf: zum Vorschein kommt duftendes Fruchtfleisch.

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