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Tonträger : Der wie ein Wolf heult

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: "Sweet N Sour" von der Jon Spencer Blues Explosion Bild: mute

„Plastic Fang“, das neue Album der Jon Spencer Blues Explosion, überrascht mit klassischem Blues Rock.

          2 Min.

          Jon Spencer hat wohl zu viele alte Werwolf-Filme gesehen. Oder er hat Michael Jacksons Videoepos „Thriller“ auf einer verstaubten Videokassette wiederentdeckt. Das alte Motiv von der Schönen und dem Biest hat es dem New Yorker Vorzeige-Rock'n-Roller in jedem Fall angetan.

          Das Motiv des netten jungen Mannes, der sich in Vollmondnächten in eine reißende Bestie verwandelt, zieht sich als roter Faden durch die zwölf Stücke seiner neuen Platte „Plastic Fang“ (Plastik-Fangzähne). „I get out in this room, I'm howlin at he moon“ heißt es im großartigen Eröffnungssong „Sweet N Sour“, der mit dem Dampfhammer die Tour de Force einleitet. Nie klang die Jon Spencer Blues Explosion besser.

          Diesmal ist das aber wörtlich gemeint. Produziert wurde die siebte Scheibe des Trios von dem früheren Blues Brother (aus dem gleichnamigen Film) Steve Jordan. Der saß schon für Rock- und Pop-Prominenz wie Keith Richards, die Neville Brothers, Robert Cray und Aretha Franklin hinter den Reglern. Und Jordan verpasste der Blues Explosion den sattesten und sauber klingendsten Sound ever.

          The Jon Spencer Blues Explosion: „Plastic Fang” (Cover)

          Fans der frühen Platten der New Yorker brauchen nun aber keine Angst zu haben: John Spencer (Gitarre und Gesang), Judah Bauer (Gitarre) und Russel Simins (Drums) tönen beileibe nicht nach Mainstream-Rock. Aber ein wenig Stones aus den frühen 70ern darf es dann schon sein.

          Als die Blues Explosion vor zehn Jahren aus den Trümmern der Band Pussy Galore auferstand, löste ihr Sound ein mittelschweres Erdbeben in der amerikanischen Independent-Szene aus. Nicht Punk oder Rock aus den 70ern waren die Eckpfeiler ihrer Musik, sondern Blues und Rock'n Roll. Ike Turner statt Neil Young und Elvis statt Led Zeppelin. Mastermind Jon Spencer spielte mit den Bluesklischees und rettet die Mythen von Crossroad und Devil hinüber in den Underground.

          Die Blues Explosion groovte live wie die Hölle und legte mit „Orange“ 1994 ihr Meisterstück vor. Jerry Lee Lewis, Noise-Rock und Hip Hop wurde durch den Fleischwolf der Blues Explosion gedreht. Auf den Platten danach ging es entweder noch mehr in Richtung Blues („Now I Got Worry“) oder Hip Hop („Acme“), die richtige Explosion passierte aber ohnehin immer bei den Livekonzerten des Trios.

          Nach drei Jahren Pause folgt nun der „Plastic Fang“. Das Coverheft zitiert alte Werwolf-Comics mit Sprechblasen wie „Ungh“ und „EEEAAA“. Die Musik dagegen ist sehr viel weniger trashig. Schon die vorab erschienene Single „She Said“ hätte es durchaus auf ein Rolling Stones-Album schaffen können. Die Riffs aus der R&B-Mottenkiste, das scheppernde Schlagzeug und der heulende Elvis-Gesang klingen bei allen Songs überraschend klar. Die schrillen Zwischentöne manch alter Platten sind weg. Keine Streicher und plötzlichen Hip-Hop-Breaks mehr, sondern eher klassischen Blues-Rock mit kurzen Gitarren-Solis.

          Ziemlich brav geworden, der alter Werwolf Spencer. Dass die Platte trotzdem über weite Strecken Spaß macht, spricht für die Klasse der Band. Live dürfte das ganze zehn Klassen härter klingen - lass es heulen, Jon!

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