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Tonträger : Blumfeld - Gefühle, die man glaubt

Blumfeld Bild: Blumfeld

Die Hamburger Band legt mit „Testament der Angst“ ihr viertes Album vor - eine Empfehlung.

          2 Min.

          Dass Pop etwas ist zum Kopfzerbrechen, haben die Pop-Theoretiker gezeigt. Die generieren aus szenigem Kauderwelsch, philosophischen Bruchstücken, der Tollkühnheit der Jugend und der Abgeklärtheit der Alten eine ganz bestimmte Art und einen bestimmten Sprachklang, über die Welt nachzudenken. Über die Musikwelt vor allem, darüber hinaus aber auch über alles, was in den Songs dieser Musikwelt thematisiert wird.

          Pop gilt gemeinhin als etwas Banales, Vergängliches, Künstliches. Etwas, das sich aus Bruchstücken zusammensetzt. Pop ist in individuellen künstlerischen Verfahren erzeugte Massenware. Immer wieder gibt es Hits, auf die sich ganze Generationen oder zumindest Szenen einigen können. Und jeder einzelne verbindet mit ihnen individuelle Erinnerungen und Gefühle.

          Die Originalität der Popmusik muss sich nicht über nie zuvor gehörte Klänge und Texte beweisen. Vielleicht liegt ihre Authentizität gar nicht in ihrer Entstehung, sondern in ihrem Konsum. Vielleicht geht es darum, eine Auswahl der Versatzstücke, des so genannten Zeichenvorrats Pop, möglichst „anschlussfähig“ zu einem Song zu kombinieren. Ein Gedanke zum Kopfzerbrechen.

          Blumfeld: „Testament der Angst” (Cover)

          Einzigartig

          „Testament der Angst“, das neue Album des Hamburger Quartetts Blumfeld, könnte ihn belegen. Überraschend sind weder Texte noch Musik der Platte, höchstens wenn man bedenkt, dass die Band um Sänger, Texter und Komponist Jochen Distelmeyer auf den frühen Platten deutlich lauter und aggressiver auftrat. Wie auf „Old Nobody“, der Anfang 1999 veröffentlichten letzten Platte, zeigt sich Blumfeld im „Testament“ musikalisch zugänglich. Gängige Songformate, häufig durchgeschlagene Rhythmusgitarren, darunter Klavierfiguren oder Akkorde, meist untermalt von Synthie-Klängen. Was unterscheidet Blumfeld von den üblichen studierten Deutschrockern, den Liedermachern dieser Welt?

          Es sind die Texte der Band, denen auf den zweiten Blick auch die Songs selbst folgen: Vexierbilder aus längst Gesagtem, die sich dennoch zu klaren und greifbaren Texten verdichten. Literarische Zitate, Anspielungen an andere Songtexte, Allgemeinplätze jugendlicher Befindlichkeit in den 90er-Jahren werden versammelt und kombiniert, die Texte wirken belesen, nachdenklich, pathetisch und sensibel. Und gerade weil hier jemand singt, der nicht auf das Ungesagte abzielt, nicht auf Originalität setzt, auf seine stilistische Einzigartigkeit, entstehen unverwechselbare Songs.

          Tausendfach

          Vielleicht lassen sich die in den Songs vielfach besungenen Haltungen - Ehrlichkeit in der Liebe, Treue zu seinen Überzeugungen, und Unnachgiebigkeit gegenüber den Lockungen der Konsumwelt - nur dann glaubwürdig und ohne textimmanente ironische Brechung festhalten, wenn ihr Autor mitdenkt, dass sie schon tausendfach zuvor erlebt und erlitten, verteidigt und formuliert wurden. Bei Blumfeld klingt auch das Bekannte authentisch - und das ist eine Leistung.

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