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Tonträger : Album "Ilisu" - ein Ozean aus Klängen

  • -Aktualisiert am

Elliot Perkins alias Phonem Bild: morrmusic

Der Musikproduzent Phonem erzeugt eigenwillig schöne Klangwelten. Mit denen transportiert er auch eine politische Botschaft.

          Vor der durch Techno ausgelösten Revolution sprach man von "Songs". Diese hatten immer eine bestimmte Länge, einen Anfang und ein Ende. Mit der elektronischen Tanzmusik wurde alles anders: An die Stelle abgeschlossener Stücke trat der DJ-Mix, in dem verschiedene Tracks fließend ineinander übergehen. So ist es mittlerweile auch bei Studioalben mit elektronischer Musik. Auch auf "Ilisu", dem aktuellen Album des Produzenten Elliot Perkins alias Phonem, verwandelt sich Musik in einen grenzenlosen "Flow", in ein akustisches Fließen und Strömen.

          Fließen und Strömen

          Mit viel Empathie für das Klangmaterial schafft Perkins aus einzelnen Tönen einen "stream of consciousness". Wer hochtrabende Vergleiche mag, könnte das Verfahren mit James Joyces legendärem letzten "Ulysses"-Kapitel vergleichen. Dort findet sich bekanntlich eine interpunktionslose Momentaufnahme von Molly Blooms dahinströmenden, unlogisch verknüpften Bewusstseinsinhalten.

          Zwar hat man es auf der Phonem-CD anders als bei "Ulysses" nicht mit Vorstellungen und Gedanken zu tun, sondern mit "wortlosen", rein instrumentalen Ton- und Geräuschkaskaden. Doch ähneln diese in ihrer unvorhersehbaren Brillanz durchaus der literarischen Vorlage. Klanglich changieren sie zwischen Drum 'n' Bass, HipHop und Sound-Experimenten à la Aphex Twin und Mouse on Mars. Bruchlos fügen sich die unterschiedlichen Stile ineinander, und es entsteht ein Ozean aus Klängen.

          Politischer Anspruch

          Angesichts der fließenden und flüssigen, gleichsam "hydrokulturellen" Struktur der Phonem-Musik verwundert es nicht, dass Perkins das groß angelegte aber politisch umstrittene türkische Staudamm-Projekt "Ilisu" als Titelgeber seiner CD wählte. Ein langer Text im Innenteil der CD erklärt Hinter- und Beweggründe: "Ilisu" ist ein megalomanisches Projekt der türkischen Regierung, das im oberen Tigris-Tal in Anatolien verwirklicht werden soll. Da dieses "hydropolitische" Riesen-Vorhaben aber die Zwangsumsiedlung der kurdischen Bevölkerung und den Verlust vieler Dörfer und Kulturgüter bedeuten würde, wird es von internationalen Kritikern wie Elliot Perkins vor allem als nationale Machtdemonstration der Regierung gegenüber der kurdischen Minderheit gedeutet. Perkins' Erklärungen in der CD lesen sich entsprechend eindringlich und anklagend.

          Gegen die Sprachlosigkeit

          Mit seinem politisch-inhaltlichen Engagement scheint Perkins gegen die oft kritisierte abstrakte "Sprachlosigkeit" von Techno und Elektro rebellieren zu wollen. Zugleich kann man die auf "Ilisu" nicht nur inhaltlich sondern auch klangästhetisch beschworene Flow-Metaphorik darüber hinaus sozialkritisch interpretieren: Schließlich ist die Entgrenzung gesellschaftlicher Zeitmuster längst allgegenwärtig. Man erkennt dies von der Verwischung von Arbeitszeit und Freizeit in der New Economy bis hin zum Verschwinden des nächtlichen Fernseh-Testbilds. So drückt Phonems ozeanischer Sound-Mix aus, was sich auch in anderen gesellschaftlichen Sphären vollzieht. Doch tut er das mit selten gehörter Schönheit.

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