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Toni Morrisons Roman „Beloved“ : Keine Versöhnung, no, no, no

Filmstill des Films „Dreams are Colder Than Death“ von Arthur Jafa - wie ein Echo von Toni Morrison und „Beloved“ Bild: Foto Liquid Blackness

„Beloved“ ist der wichtigste Roman zur Sklaverei. Ihre Geschichte auf amerikanischem Boden begann vor 400 Jahren. Man muss das Buch jetzt wiederlesen.

          Ein Kopf wie ein Kontinent, das schwarze Gesicht das Meer mit weit ins Land reichenden Lagunen, das weiße Haar das Land – so stellt die Künstlerin Kara Walker die am 5.August 2019 verstorbene Toni Morrison auf dem Titelbild des „New Yorker“ vom 19. August dar. Auch ein Anflug von Medusenhaupt lässt sich erkennen, mehr als eine Ahnung von spiritueller Kraft, die Gewissheit von Autorität und Stärke, von machtvollem Wissen. Was Toni Morrison wusste, erforscht durch Sprache, Lektüren, Beobachtung und literarische Erfindung, liegt in der Form, die sie ihrem Wissen in ihren Büchern gab.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Trotzdem blieben Missverständnisse nicht aus. Zum Beispiel über „Beloved“. Zum Beispiel von Margaret Atwood, die den Roman für die „New York Times Book Review“ besprach, als er herauskam. Und die, jedenfalls am Ende, dann doch etwas Versöhnliches und eine Hoffnung ausmachte in diesem grausamen Buch. Aber es gibt keine Erlösung, nicht, wenn auch die letzten beiden Seiten zählen, nachdem die Geschichte bereits zu einem Ende geführt ist, das immerhin drei Menschen an einem Ort so etwas wie Ruhe finden lässt. Denn die vermeintlich geschlossene Form bricht gleich wieder auf. „It was not a story to pass on. This is not a story to pass on. Just weather.“ Die Geschichte, die uns erzählt wurde, wird nicht Teil der Geschichte, die weitergegeben wird. Sie bleibt eine Leerstelle. Eine Wunde, die nicht heilt.

          Manchmal taugt die eigene Erinnerung nicht viel. Sie hält einen Eindruck fest, aber nicht seine Qualität. Ein Urteil, aber nicht seine Substanz. Und darüber hinaus vielleicht, möglicherweise, wenn Glück im Spiel ist – ein Gefühl für eine Sache, ein Kunstwerk, ein Buch, den Schatten der Reaktion bei der ersten Begegnung. Nichts Verlässliches, und im Fall von Toni Morrisons „Beloved“ nichts, was die Wucht dieses Buchs bei der erneuten Lektüre mindern konnte.

          Geschichten aus der afrikanischen Diaspora

          „Beloved“, Toni Morrisons fünfter Roman, erschienen 1987, zum ersten Mal gelesen in den Neunzigern und jetzt wieder. Wird ein Buch von dieser Eminenz ein anderes, umwoben von sekundären Texten, Kritiken, einer Verfilmung, Doktorarbeiten, Interviews, von über all die Zeit gestapeltem Wissen über die Sache, um die es geht? Angesichts der Sache: die Sklaverei, was sie bis heute anrichtet und wie über sie zu sprechen ist? Und durch weitere Lektüren späterer Bücher von Toni Morrison, die ja nicht als Historikerin schreibt? Auch die Stellung dieser Schriftstellerin hat sich seit damals verändert; nicht nur durch den Nobelpreis 1993 ist sie zu einer der einflussreichsten Stimmen der amerikanischen Literatur über das zwanzigste Jahrhundert hinaus geworden, die umschließt, was an oraler Erzählung und verstreuten Schriften – den sogenannten Slave Narratives – tradiert wurde.

          Längst und bis heute erzeugt ihre Stimme überall dort Echos, wo es um die Errettung verlorener, nicht erzählter, nicht weitergegebener Geschichten aus der afrikanischen Diaspora geht, um eine Art Gegenerinnerung der einst Verstummten, der einst Versklavten zu den historisch immer weitergegebenen Formen und Akten des(weißen) Sprechens und Gedenkens.

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