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Tonaufnahme von 1889 : Hier ist Friedrichsruh, es spricht Otto von Bismarck

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., National Park Service

Frühe Fülle des Wohllauts: Zum ersten Mal hören wir die feine Stimme des Eisernen Kanzlers Otto von Bismarck. In vier Sprachen, auf einer wiedergefundenen Edison-Walze, vor Kühnheit bebend.

          4 Min.

          Bismarck-Forscher wussten, dass der Reichskanzler eine hohe Stimme hatte; aber wenn man sie nun hört, wozu der Fund mehrerer phonographischer Aufzeichnungen aus dem Besitz des Edison-Museums Gelegenheit gibt, ist man doch überrascht, dass sie nicht tiefer, dröhnender klingt, wie man das bei dem Äußeren dieses Mannes erwartet hätte. Das zeigt nur, dass man vom Körper eben doch nicht auf die Stimme schließen kann.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Adelbert Theodor Edward „Theo“ Wangemann, ein Mitarbeiter des amerikanischen Erfinders Thomas Alva Edison, schiffte sich am 15. Juni 1889 für eine Europa-Reise ein, von der er erst Ende Februar des folgenden Jahres zurückkehren sollte. Die ursprüngliche Absicht, für die Wartung des bei der Pariser Weltausstellung präsentierten Phonographen zu sorgen, wuchs sich aus zu einer wahren PR-Tournee, die ganz im Sinne des Erfinders war und, so darf man sagen, einen sensationellen Ertrag erbracht hat. Von siebzehn Phonographenwalzen, die schon 1957 in New Jersey in einer Holzkiste gefunden, dann aber wieder verloren wurden, ließen sich nun, nach erneuter Entdeckung, zwölf restaurieren. Stephan Puille und andere, amerikanische Forscher haben die Stimmen darauf identifiziert und zu digitalen Audiodateien aufbereitet.

          Bismarck im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit: „Bismarck TV“ von Fernando Bryces aus dem Jahr 2008
          Bismarck im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit: „Bismarck TV“ von Fernando Bryces aus dem Jahr 2008 : Bild: Toshimi Ogasawara

          Sie enthalten das einzige authentische Tondokument mit der Stimme des damals 74 Jahre alten Reichskanzlers, den Theo Wangemann am 7. Oktober 1889, im Jahr also vor dessen Abdankung, in Friedrichsruh bei Hamburg aufgesucht hat, um ihm, wie anderen Personen der Zeitgeschichte, den Apparat vorzuführen und bei der Gelegenheit eine Sprechprobe zu erbeten. Nicht jeder kam dieser Bitte nach; der russische Zar Alexander III. beispielsweise weigerte sich.

          Nicht ohne Skrupel

          Dass Bismarck sprach, ist umso bemerkenswerter, als er dies nicht ohne Skrupel tat: Zum einen befürchtete er, sein Sermon würde politischen Gegnern in die Hände fallen; zum anderen wollte er nicht, dass das Dokument kommerziell genutzt würde - Bedenken, die uns digital rundum Versorgten heute rührend anmuten und die es wohl auch waren, die Bismarck davon absehen ließen, der Walze politische Botschaften anzuvertrauen. Dafür sprach er viersprachig: Zunächst und wohl als Grußadresse an Edisons Heimat das Lied „In Good Old Colony Times“, dann „Als Kaiser Rotbart lobesam“von Ludwig Uhland, das Studentenlied „Gaudeamus igitur“ und schließlich die erste Strophe der Marseillaise, eine, je nach Interpretation, zynische oder auch bloß humorvolle Reverenz an den Erbfeind.

          Leider versteht man nur etwas, wenn man den Wortlaut vorher gelesen hat. Von Anfang an ist die 75 Sekunden währende Aufnahme begleitet von einem wetzenden Störgeräusch, wie man es später von Grammophon- und Plattenspielernadeln kannte. Die Stimme, in mittlerer Tonlage gehalten und wegen der Situation, nun etwas aufsagen zu sollen, leicht angespannt klingend, hört sich nicht viel anders an als eine aus einem frühen Heinz-Rühmann-Film: korrekt und gleichzeitig kodderig, vor Kühnheit ganz leicht bebend, als traue der Sprecher sich selbst nicht so ganz.

          Ein neues Medium

          Richtig lebhaft aber wird sie erst bei der Ermahnung an den Sohn Herbert, mit dem Bismarck die Aufzeichnung beschließt: „Treibe alles in Maßen und Sittlichkeit, namentlich das Arbeiten, dann aber auch das Essen und im Übrigen gerade auch das Trinken.“ Dieser „Rat eines Vaters an seinen Sohn“, wie der Reichskanzler merkwürdig unpersönlich endet, hat etwas Biedermeierliches an sich und lässt, wie das Vorherige, keinerlei Rückschlüsse auf die damalige historische Situation oder Bismarcks persönliche Verfassung zu. Entgegen tritt uns dabei ein Verhaltensmuster, das auch wir Heutigen noch kannten, als wir, Kinder noch, erstmals mit klopfendem Herzen ein väterliches Tonband besprechen durften: Womöglich in der Befürchtung, auf direkt persönliche Äußerungen später einmal festgenagelt zu werden oder sich damit lächerlich zu machen, greift man zu Fremdmaterial - Lieder, Poeme, Schlager. Friedrich Kittler könnte sich im Übrigen bestätigt fühlen: Wenn ein neues Medium auftritt, behilft man sich in seiner Nutzung zunächst mit dem, was ein altes so hergibt.

          Ein Mann, nahe schon dem Grabe, kann hiermit künftigen Zeiten noch etwas sagen: Edisons Walze, mit freundlicher Genehmigung von www.cylinder.de, für Bismarcks Originalton
          Ein Mann, nahe schon dem Grabe, kann hiermit künftigen Zeiten noch etwas sagen: Edisons Walze, mit freundlicher Genehmigung von www.cylinder.de, für Bismarcks Originalton : Bild: Stu Miller

          Inhaltlich bemerkenswerter als Bismarcks Zeugnis ist das, was der Generalfeldmarschall Graf Helmuth von Moltke am 21. Oktober 1889 mit bald neunzig Jahren sprach. Moltke erkannte sofort die Bedeutung des Phonographen, den er allerdings falsch bezeichnet: „Diese neueste Erfindung des Herrn Edison ist in der Tat staunenswert. Das Telephon ermöglicht, dass ein Mann, der lange schon im Grabe liegt, noch einmal seine Stimme erhebt und die Gegenwart begrüßt.“ Mit seiner Annahme akustisch konservierter Zeitgenossenschaft traf Moltke den Nagel auf den Kopf: Wie Kapitän Ahab bei Melville war es ihm möglich, der Welt quasi noch aus dem Jenseits heraus eine Nachricht zukommen zu lassen. Es ist die einzig bekannte Aufnahme der Stimme eines noch im achtzehnten Jahrhundert geborenen Menschen.

          Das Sprechen zu Nachgeborenen war bis dahin nur schriftlich möglich gewesen. Die stimmliche Konservierung bereicherte einen persönlichen Eindruck, der sich bisher aus sprachlicher Ausdrucksweise, Gemälden oder Fotografien speiste, um etwas Entscheidendes: das direkt Lebendige, nicht Austauschbare.

          Dosierung beim Aufzeichnen

          Moltke war nicht dümmer als Bismarck, und zwar nicht, weil er aus dem „Hamlet“ und dem „Faust“ zitierte, sondern der zweiten Aufnahme gleichsam als Motto ein Shakespeare-Zitat voranstellte, das man als goldene Regel noch dem Bundespräsidenten hätte ans Herz legen wollen: „Dein Ohr leih Jedem, Wen’gen deine Stimme.“ Freilich ist Wulffs Mailbox-Stimme als solche, also rein klanglich ohne jeden historischen Wert, dafür hört man ihn zu oft. Mit politischem Instinkt schien Moltke vorauszusehen, dass eine solche Aufzeichnung eine faszinierende Sache sein kann, es dann aber alles auf den vernünftigen Gebrauch dieser Errungenschaft ankommen würde. Daraus ergibt sich der grundsätzliche, mediennutzungstechnische Aspekt der Sache, die in unserem Zeitalter trivial anmutet und doch bedacht sein will: die Dosierung und Auswahl dessen, was überhaupt aufgezeichnet wird. In den Pioniertagen, als das Verfahren viel umständlicher war und noch die Anwesenheit von Fachleuten wie Theo Wangemann erforderte, stellte sich die Frage nicht; dazu war es einfach noch zu selten. Edisons Phonograph aber verbreitete sich schnell. Am 16. Juli 1890 zeichnete er in London Glockenschläge auf, am Neujahrstag 1892 Baby-Gebrüll. 1896 kam, für vierzig Dollar, der „Home Phonograph“ auf den Markt, ein kofferähnliches Gerät, von dem 1899 schon 150.000 Geräte produziert wurden. Heute kommt manchem schon das analoge Abtastverfahren des Plattenspielers vor wie ein Relikt aus der Bismarck-Zeit.

          Unzweifelhaft konfrontiert uns diese Technik-Episode auch mit einem Epochenumbruch, der immer auch mit Medien-Erfindungen einhergeht. Das literarische Muster steckt in Thomas Manns „Zauberberg“, im Kapitel „Fülle des Wohllauts“: „Halt! Achtung! Epoche! Das kam zu mir!“, denkt Hans Castorp beim Hantieren mit dem Grammophon. Der Erzähler resümiert am Ende Castorps absolutes Lieblingsstück: Schuberts Lindenbaum-Lied, eine Chiffre für die (todessüchtige) Romantik. Kritisch spielt er in seiner Engführung von Geistesgeschichte und Politik auf Bismarck an: „Man mochte wahrscheinlich sogar Reiche darauf gründen, irdisch-allzu-irdische Reiche, sehr derb und fortschrittsfroh und eigentlich gar nicht heimwehkrank, - in welchen das Lied zur elektrischen Grammophonmusik verdarb.“ Hätte Thomas Mann Bismarcks überraschend feine Stimme gehört, er hätte sich das „derb“ womöglich verkniffen.

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