https://www.faz.net/-gqz-6xd12

Tonaufnahme von 1889 : Hier ist Friedrichsruh, es spricht Otto von Bismarck

  • -Aktualisiert am
Ein Mann, nahe schon dem Grabe, kann hiermit künftigen Zeiten noch etwas sagen: Edisons Walze, mit freundlicher Genehmigung von www.cylinder.de, für Bismarcks Originalton
Ein Mann, nahe schon dem Grabe, kann hiermit künftigen Zeiten noch etwas sagen: Edisons Walze, mit freundlicher Genehmigung von www.cylinder.de, für Bismarcks Originalton : Bild: Stu Miller

Inhaltlich bemerkenswerter als Bismarcks Zeugnis ist das, was der Generalfeldmarschall Graf Helmuth von Moltke am 21. Oktober 1889 mit bald neunzig Jahren sprach. Moltke erkannte sofort die Bedeutung des Phonographen, den er allerdings falsch bezeichnet: „Diese neueste Erfindung des Herrn Edison ist in der Tat staunenswert. Das Telephon ermöglicht, dass ein Mann, der lange schon im Grabe liegt, noch einmal seine Stimme erhebt und die Gegenwart begrüßt.“ Mit seiner Annahme akustisch konservierter Zeitgenossenschaft traf Moltke den Nagel auf den Kopf: Wie Kapitän Ahab bei Melville war es ihm möglich, der Welt quasi noch aus dem Jenseits heraus eine Nachricht zukommen zu lassen. Es ist die einzig bekannte Aufnahme der Stimme eines noch im achtzehnten Jahrhundert geborenen Menschen.

Das Sprechen zu Nachgeborenen war bis dahin nur schriftlich möglich gewesen. Die stimmliche Konservierung bereicherte einen persönlichen Eindruck, der sich bisher aus sprachlicher Ausdrucksweise, Gemälden oder Fotografien speiste, um etwas Entscheidendes: das direkt Lebendige, nicht Austauschbare.

Dosierung beim Aufzeichnen

Moltke war nicht dümmer als Bismarck, und zwar nicht, weil er aus dem „Hamlet“ und dem „Faust“ zitierte, sondern der zweiten Aufnahme gleichsam als Motto ein Shakespeare-Zitat voranstellte, das man als goldene Regel noch dem Bundespräsidenten hätte ans Herz legen wollen: „Dein Ohr leih Jedem, Wen’gen deine Stimme.“ Freilich ist Wulffs Mailbox-Stimme als solche, also rein klanglich ohne jeden historischen Wert, dafür hört man ihn zu oft. Mit politischem Instinkt schien Moltke vorauszusehen, dass eine solche Aufzeichnung eine faszinierende Sache sein kann, es dann aber alles auf den vernünftigen Gebrauch dieser Errungenschaft ankommen würde. Daraus ergibt sich der grundsätzliche, mediennutzungstechnische Aspekt der Sache, die in unserem Zeitalter trivial anmutet und doch bedacht sein will: die Dosierung und Auswahl dessen, was überhaupt aufgezeichnet wird. In den Pioniertagen, als das Verfahren viel umständlicher war und noch die Anwesenheit von Fachleuten wie Theo Wangemann erforderte, stellte sich die Frage nicht; dazu war es einfach noch zu selten. Edisons Phonograph aber verbreitete sich schnell. Am 16. Juli 1890 zeichnete er in London Glockenschläge auf, am Neujahrstag 1892 Baby-Gebrüll. 1896 kam, für vierzig Dollar, der „Home Phonograph“ auf den Markt, ein kofferähnliches Gerät, von dem 1899 schon 150.000 Geräte produziert wurden. Heute kommt manchem schon das analoge Abtastverfahren des Plattenspielers vor wie ein Relikt aus der Bismarck-Zeit.

Unzweifelhaft konfrontiert uns diese Technik-Episode auch mit einem Epochenumbruch, der immer auch mit Medien-Erfindungen einhergeht. Das literarische Muster steckt in Thomas Manns „Zauberberg“, im Kapitel „Fülle des Wohllauts“: „Halt! Achtung! Epoche! Das kam zu mir!“, denkt Hans Castorp beim Hantieren mit dem Grammophon. Der Erzähler resümiert am Ende Castorps absolutes Lieblingsstück: Schuberts Lindenbaum-Lied, eine Chiffre für die (todessüchtige) Romantik. Kritisch spielt er in seiner Engführung von Geistesgeschichte und Politik auf Bismarck an: „Man mochte wahrscheinlich sogar Reiche darauf gründen, irdisch-allzu-irdische Reiche, sehr derb und fortschrittsfroh und eigentlich gar nicht heimwehkrank, - in welchen das Lied zur elektrischen Grammophonmusik verdarb.“ Hätte Thomas Mann Bismarcks überraschend feine Stimme gehört, er hätte sich das „derb“ womöglich verkniffen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Kapitolbesetzer im Internet : An ihren Bildern sollt ihr sie erkennen

Eine Woche nach der Besetzung des Kapitols dauert die Identifikation gewaltbereiter Teilnehmer durch deren Beiträge in sozialen Medien an. Schon früh beteiligten sich Aktivisten und Privatpersonen an der Datenaufbereitung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.