https://www.faz.net/-gqz-6vewj

Tomi Ungerer zum Achtzigsten : Der Großphantast des Fetischismus

Was ihm das Muschelhorn erzählt: Tomi Ungerer 2006 in seiner Straßburger Atelierwohnung Bild: Barbara Klemm

Immer getrieben, nie erstarrt, prinzipiell frei: Der Zeichensprecher lässt sich nicht festlegen. An diesem Montag feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

          Wer ist Tomi Ungerer? Die Frage weckt die Erwartung, es werde über den Künstler geredet. Wir verzichten darauf. Und sprechen über das, was den Künstler hat werden lassen. Die Antwort lautet deshalb: Tomi Ungerer ist ein Getriebener.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das ist in mehrfacher Hinsicht wahr. Getrieben ist er von Leiden- und Freundschaften, Beobachtungen und Vernachlässigungen, Ungerechtigkeiten und Wiedergutmachungen, Ehrgeiz und Ehrgefühl, getrieben von zwei Ländern und vier Sprachen, von Liebe und Hass und mehr noch als alles andere getrieben von einem immensen Fleiß, der Ungerer zu einem der produktivsten Zeichner überhaupt hat werden lassen. Man schätzt die Zahl seiner Arbeiten auf mehr als vierzigtausend; erst kürzlich tauchten im Diogenes Verlag, wo er seit mehr als einem halben Jahrhundert seine deutschen Bücher publiziert, gleich auf einen Schlag einige tausend Blatt auf, die in der Überfülle dieses Schaffens schlichtweg vergessen worden waren.

          Unterhaltung mit Ungerer ist pure Hehlerei

          Mit Elias Canetti, der ihm an abgründiger Beobachtungsgabe und in universelles Schaffen mündender Getriebenheit am ähnlichsten war, verbindet Tomi Ungerer eine dominante Mutter und der frühe Tod des Vaters. Als Jean-Thomas vier Jahre alt war, 1935, stirbt Théodore Ungerer, ein Ingenieur mit starker künstlerischer Ader. Dessen Begabungserbe wandelt der Sohn in eine Künstlerlaufbahn mit starker konstruktiver Ader um; aus dem Ingenieursgeist wird Ingenium. Aber erst musste ein zweiter schwerer Einschnitt erduldet werden: die Besetzung des heimischen Elsass durch Hitlers Truppen: "Ich war neun Jahre alt", notiert Ungerer 2010, "als sie bei uns aufgetaucht sind, die Nazis. Vier Jahre lang war ich, vor allem in der Schule, ihrer hirnrissigen Gehirnwäsche ausgesetzt. Nazi in der Schule, Elsässer mit meinen Kameraden und Franzose zu Hause. Denn meine Mutter war von grenzenlosem Chauvinismus, eine leidenschaftliche Anhängerin der Trikolore."

          Aus dieser als Kind erfahrenen Gespaltenheit resultiert das Werk und vor allem auch der spezifische Humor des Tomi Ungerer, der so lustvoll das Paradoxe zelebriert. Man kann es dem Zitat schon ablesen: "Hirnrissige Gehirnwäsche" oder "grenzenloser Chauvinismus" - das sind semantische Grotesken, die Ungerer mit der Akribie eines Sprachverliebten formt, der keines der ihm vertrauten Idiome (neben Französisch als Mutter-, Deutsch als Vater- und dem elsässischen Dialekt als Kindersprache kam mit der Übersiedelung nach Amerika 1956 noch das Englische als Brotsprache hinzu) bevorzugt und so jedes von ihnen mit dem feinen Gehör eines Fremdsprachlers gebraucht. Die Unterhaltung mit Tomi Ungerer ist pure Hehlerei, so viel den Sprachen entwendeter Doppelsinn wird da an den Mann gebracht.

          Ungerer erfand den Slogan „Expect the Unexpected“

          Mit dieser virtuosen Kombinatorik des vierfachen Sprachsinns steuert Ungerer der Wiederholung entgegen, die ihm ein Garaus ist, weil er im Prinzip der Wiederholung das selbstverschuldete Übel des Menschengeschicks sieht. "Warum wiederholt sich die Geschichte? Weil wir schlechte Schüler sind und ihre Lektionen nicht lernen wollen, vor allem wenn man sie selbst erlebt hat. Man ist fürs Leben gezeichnet." Nur wenige aber haben wie er aus dieser Erfahrung die Konsequenz gezogen, fortan um ihr Leben zu zeichnen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Sicherheitsmann vor der Öl-Raffinerie im Abqaiq

          Angriff auf Ölanlagen : Saudische Verwundbarkeit

          Riad investiert Milliarden in Waffen. Wieso konnte das Königreich die Attacke auf das Herz seiner Ölindustrie nicht verhindern?
          Massentourismus vom Wasser kommend: Zwei Kreuzfahrtschiffen liegen im Geirangerfjord.

          Umstrittene Kreuzfahrtschiffe : Norwegen macht die Fjorde langsam dicht

          Es ist ein Geldsegen und ein Öko-Fluch: Seit kurzem gelten in fünf norwegischen Fjorden für Kreuzfahrtschiffe strenge Umweltauflagen, die die Luftverschmutzung begrenzen sollen. Glücklich sind die Menschen in der Urlauberhochburg Geiranger damit nicht.
          Kanzlerin Angela Merkel stellt mit ihrem Klimakabinett die Ergebnisse eines Kompromisses zum Klimapaket vor.

          Klimakabinett : Das deutsche Klima-Experiment

          Deutschland allein kann das Klima nicht retten. Aber andere Länder schauen genau darauf, wie Kanzlerin Merkel versucht, die Emissionen zu senken. Kann Deutschland Vorbild sein oder muss es über den Ärmelkanal schauen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.