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Tom Wolfe zum Achtzigsten : Nietzsche ist heute Amerikaner

Journalist, Essayist, Atheist: Der US-Amerikaner Tom Wolfe Bild: dapd

Seit fünf Jahrzehnten trägt er weiß: Der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe schuf mit dem „New Journalism“ einen Reportagestil, der bis heute nachwirkt. Am heutigen Mittwoch wird er achtzig.

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          Er wird den Literatur-Nobelpreis nie erhalten. Denn die Auszeichnung wird nicht für eine Virtuosenleistung vergeben, nicht einmal für ein Meisterwerk - sie trägt die Idee einer sittigenden Wirkung der Literatur, einer Moralität der Schrift in sich. Die letzte Nobelpreisträgerin aus den Vereinigten Staaten war Tom Wolfes Generationsgenossin Toni Morrison, eine Afroamerikanerin, und sie mag als Beispiel für diese ethische, humanistische Dimension stehen. Nur im vergangenen Jahr, mit Mario Vargas Llosa, konnte man glauben, dass diesmal ein hundertprozentiger Romancier ohne weitere Absicht gewählt wurde - aber dieser Eindruck wurde dann durch die Rede, die er in Stockholm hielt, gleich wieder aufgehoben: Literatur ohne Moral, so hörte man auch diesmal, sei inhuman.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Diese Messlatte ist für Tom Wolfe unerreichbar, oder besser gesagt: Er brilliert in einer anderen Disziplin. Wenn Toni Morrison den Rassismus als düsteren Hintergrund ihrer Erzählkunst nutzt, als Vertiefung einer dichterischen Palette, so sieht Tom Wolfe den Rassismus zwar ebenso als Voraussetzung, über Amerika überhaupt zu reden, aber eher zynisch-bunt und als pikante Steigerung des Unterhaltungswertes. Damit gewinnt man keinen Nobelpreis.

          Die Wirklichkeit Amerikas im Blick

          Manchmal erinnert Tom Wolfe an einen jener Südstaaten-Gentleman-Schlawiner beim Pokern, wie sie gern in amerikanischen Filmen als Gegenspieler der echten Tugend auftauchen. Immer kann er noch ein Blatt aus dem Ärmel ziehen, mit dem niemand gerechnet hat. So ergibt sich ein etwas schillerndes Bild: Die neuere Anti-Diskriminierungspolitik seiner Heimat rechnet sich der entschiedene Patriot, der Tom Wolfe ist, als kulturelle Leistung zu, nur um dann in seinen Romanen gleich wieder die amüsantesten Karikaturen ethnischer Typen auftreten und die multikulturelle Phraseologie der Gebildeten verdampfen zu lassen. Keiner hat das Spiel zwischen korrekt und unkorrekt zu solcher Meisterschaft getrieben wie er. Gewiss nicht immer mit offenen Karten.

          Der Stil eines Südstaaten-Gentleman

          Hat es mit seiner Herkunft zu tun? Geboren wurde Tom Wolfe in Richmond im Bundesstaat Virginia. Das war die Hauptstadt der Südstaaten; als der Bürgerkrieg 1865 zu Ende ging, war sie abgebrannt. Ihr Fall besiegelte die Niederlage der Konföderierten. Und wenn dieser Autor heiter, lachend, grinsend und zugleich fotorealistisch genau die Wirklichkeit Amerikas in den Blick nimmt, dann mag man an die alte Wahrheit denken, dass sich den Besiegten eine Erkenntnischance bietet, von der die Sieger nichts ahnen.

          Eine hochkomische Abrechnung

          Der Realismus stammt aus dem „New Journalism“ der sechziger Jahre. Gemeint war damit ein literarisch ambitionierterer, reflektierender Stil der Reportage. Wolfe trat 1968 mit einem Meisterwerk dieser Gattung hervor: „The Electric Kool-Aid Acid Test“ war eines der emblematischen Bücher des Jahres. Es schilderte die Gruppe der „Merry Pranksters“ um den Dichter Ken Kesey, die mit LSD experimentierte und der Band „The Grateful Dead“ nahestand. Neal Cassidy, der auch das Vorbild des Dean Moriarty in Jack Kerouacs Roman „On The Road“ gewesen war, bildete eine Brücke zwischen der älteren Beat- und der jüngeren Hippiegeneration.

          Wer aber glaubte, Wolfe habe sich dem Underground und der Gegenkultur auf Dauer verschrieben, sah sich bald getäuscht. Hatte es damit zu tun, dass die „Merry Pranksters“ weiß waren, die Black Panthers aber, um die es dann bald gehen sollte, schwarz? Denn 1970 erschien „Radical Chic“, eine hochkomische Abrechnung mit der sehr naiven Sympathie des halblinken, weißen Kultur-Establishments mit den „Panthers“, die aus der Kriminalität gekommen waren und später wieder in ihr versanken. Der Anlass des Buches war eine Party bei Leonard Bernstein, auf der Geld für die schwarze Organisation gesammelt worden war. „Radical Chic“ wurde vom bloßen Buchtitel zu einem kritischen Begriff der politischen Debatte.

          Spotten über die Hochkultur-Linken

          Wolfes packenden Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“ (1987) kann man gut und gerne als sein Hauptwerk betrachten, auch weil er sich seitdem noch in jeder Finanzkrise als visionär erwiesen hat. Auf siebenhundert Seiten entsteht eine Hitze der Rassen- und Klassenkämpfe zwischen dem feinsten Manhattan und der Bronx, um die ihn mancher der von ihm verspotteten Hochkultur-Linken beneiden würde.

          Wolfe ist aber auch nicht einfach ein antiintellektueller Populist. Vielmehr gilt seine höchste Bewunderung der Verbindung genuin amerikanischen Pioniergeistes mit Spitzenleistungen der Intelligenz. Dafür steht „The Right Stuff“ (1979), die Vorgeschichte des amerikanischen Weltraumprogramms schildernd, oder der Reportage-Essay „Zwei Männer auf dem Weg nach Westen“, der die Ursprünge von Silicon Valley nachzeichnet, der Region um Palo Alto und die Universität Stanford, in der die Hochtechnologie der Gegenwart geschaffen wurde.

          Wille zur Macht, Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne: Mit Tom Wolfe ist Nietzsche in den Vereinigten Staaten heimisch geworden. Am 2. März feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

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